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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Annette Freiin von Droste-Hülshoff

Die Taxuswand

Ich stehe gern vor dir,
Du Fläche schwarz und rauh,
Du schartiges Visier
Vor meines Liebsten Brau',
5 Gern mag ich vor dir stehen,
Wie vor grundirtem Tuch,
Und drüber gleiten sehen
Den bleichen Krönungszug;
Als mein die Krone hier,
10 Von Händen die nun kalt;
Als man gesungen mir
In Weisen die nun alt;
Vorhang am Heiligthume,
Mein Paradiesesthor,
15 Dahinter Alles Blume,
Und Alles Dorn davor.
Denn jenseits weiß ich sie,
Die grüne Gartenbank,
Wo ich das Leben früh
20 Mit glühen Lippen trank,
Als mich mein Haar umwallte
Noch golden wie ein Stral,
Als noch mein Ruf erschallte,
Ein Hornstoß, durch das Thal.
25 Das zarte Epheureis,
So Liebe pflegte dort,
Sechs Schritte, – und ich weiß,
Ich weiß dann, daß es fort.
So will ich immer schleichen
30 Nur an dein dunkles Tuch,
Und achtzehn Jahre streichen
Aus meinem Lebensbuch.
Du starrtest damals schon
So düster treu wie heut',
35 Du, unsrer Liebe Thron
Und Wächter manche Zeit;
Man sagt daß Schlaf, ein schlimmer,
Dir aus den Nadeln raucht, –
Ach, wacher war ich nimmer,
40 Als rings von dir umhaucht!
Nun aber bin ich matt,
Und möcht an deinem Saum
Vergleiten, wie ein Blatt
Geweht vom nächsten Baum;
45 Du lockst mich wie ein Hafen,
Wo alle Stürme stumm,
O, schlafen möcht ich, schlafen,
Bis meine Zeit herum!





Entstehungsjahr: 1841-1842
Erscheinungsjahr: 1842
Aus: Gedichte der Ausgabe von 1844 / Gedichte vermischten Inhalts
Referenzausgabe:
W. Theiß (Bd. 1) / Kortländer (Bd. 2) / Winfried Woesler (Bd. 4): Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. I,1. Max Niemeyer Verlag, Tübingen: 1978ff., S. 160-161.
Bemerkungen
Erstdruck im »Morgenblatt für gebildete Leser«, Stuttgart und Tübingen, Nr. 192, 12. August 1842, S. 765-766.
1844 dann in der 2. Auflage der Gedichte.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.