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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Matthias Claudius

Rheinweinlied

Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher,
    Und trinkt ihn fröhlich leer.
In ganz Europia, ihr Herren Zecher!
    Ist solch ein Wein nicht mehr.
5 Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen,
    Noch wo man franzmännsch spricht;
Da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen,
    Wir holen ihn da nicht.
Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle;
10     Wie wär er sonst so gut!
Wie wär er sonst so edel, wäre stille
    Und doch voll Kraft und Mut! Er wächst nicht überall im deutschen Reiche;
    Und viele Berge, hört,
Sind, wie die weiland Kreter, faule Bäuche,
15     Und nicht der Stelle wert.
Thüringens Berge zum Exempel bringen
    Gewächs sieht aus wie Wein;
Ist's aber nicht. Man kann dabei nicht singen,
    Dabei nicht fröhlich sein.
20 Im Erzgebirge dürft ihr auch nicht suchen,
    Wenn ihr Wein finden wollt.
Das bringt nur Silbererz und Koboldkuchen,
    Und etwas Lausegold.
Der Blocksberg ist der lange Herr Philister,
25     Er macht nur Wind wie der;
Drum tanzen auch der Kuckuck und sein Küster
    Auf ihm die Kreuz und Quer.
Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben;
    Gesegnet sei der Rhein!
30 Da wachsen sie am Ufer hin, und geben
    Uns diesen Labewein.
So trinkt ihn denn, und laßt uns allewege
    Uns freun und fröhlich sein!
Und wüßten wir wo jemand traurig läge,
35     Wir gäben ihm den Wein.





Entstehungsjahr: vor 1777
Erscheinungsjahr: 1776
Aus: Asmus III
Referenzausgabe:
Jost Perfahl: Matthias Claudius. Sämtliche Werke. Winkler-Verlag, München: 1976, S. 172-173.
Bemerkungen
Erstdruck im Vossischen Musenalmanach, 1776, S. 147,
später im »ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten«, Teil III, 1778, S. 182-184

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.