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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Matthias Claudius

Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen

So schlafe nun du Kleine!
    Was weinest du?
Sanft ist im Mondenscheine,
    Und süß die Ruh.
5 Auch kommt der Schlaf geschwinder,
    Und sonder Müh:
Der Mond freut sich der Kinder,
    Und liebet sie.
Er liebt zwar auch die Knaben,
10     Doch Mädchen mehr,
Gießt freundlich schöne Gaben
    Von oben her
Auf sie aus, wenn sie saugen,
    Recht wunderbar;
15 Schenkt ihnen blaue Augen
    Und blondes Haar.
Alt ist er wie ein Rabe,
    Sieht manches Land;
Mein Vater hat als Knabe
20     Ihn schon gekannt.
Und bald nach ihren Wochen
    Hat Mutter mal
Mit ihm von mir gesprochen:
    Sie saß im Tal
25 In einer Abendstunde,
    Den Busen bloß,
Ich lag mit offnem Munde
    In ihrem Schoß.
Sie sah mich an, für Freude
30     Ein Tränchen lief,
Der Mond beschien uns beide,
    Ich lag und schlief;
Da sprach sie! »Mond, oh! scheine,
    Ich hab sie lieb,
35 Schein Glück für meine Kleine!«
    Ihr Auge blieb
Noch lang am Monde kleben,
    Und flehte mehr.
Der Mond fing an zu beben,
40     Als hörte er.
Und denkt nun immer wieder
    An diesen Blick,
Und scheint von hoch hernieder
    Mir lauter Glück.
45 Er schien mir unterm Kranze
    Ins Brautgesicht,
Und bei dem Ehrentanze;
    Du warst noch nicht.





Entstehungsjahr: vor 1771
Erscheinungsjahr: 1770
Aus: Asmus I/II
Referenzausgabe:
Jost Perfahl: Matthias Claudius. Sämtliche Werke. Winkler-Verlag, München: 1976, S. 75-77.
Bemerkungen
Erstdruck in den Hamburger Adreß-Comtoir-Nachrichten, 1770, I,
Später im »ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten«, Teil I/II, S. 170-173.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.