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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Louis Charles Adelaide de Chamisso de Boncourt (Chamisso, Adelbert von)

Erscheinung

Die zwölfte Stunde war beim Klang der Becher
    Und wüstem Treiben schon herangewacht,
    Als ich hinaus mich stahl, ein müder Zecher.
Und um mich lag die kalte, finstre Nacht;
5     Ich hörte durch die Stille widerhallen
    Den eignen Tritt und fernen Ruf der Wacht.
Wie aus den klangreich fest-erhellten Hallen
    In Einsamkeit sich meine Schritte wandten,
    Ward ich von seltsam trübem Mut befallen.
10 Und meinem Hause nah, dem wohlbekannten,
    Gewahrt ich, und ich stand versteinert fast,
    Daß hinter meinen Fenstern Lichter brannten.
Ich prüfte zweifelnd eine lange Rast,
    Und fragte: macht es nur in mir der Wein?
15     Wie käm zu dieser Stunde mir ein Gast?
Ich trat hinzu, und konnte bei dem Schein
    Im wohlverschloßnen Schloß den Schlüssel drehen,
    Und öffnete die Tür, und trat hinein.
Und, wie die Blicke nach dem Lichte spähen,
20     Da ward mir ein Gesicht gar schreckenreich, –
    Ich sah mich selbst an meinem Pulte stehen.
Ich rief: »Wer bist du, Spuk?« – er rief sogleich:
    »Wer stört mich auf in später Geisterstunde?«
    Und sah mich an, und ward, wie ich, auch bleich.
25 Und unermeßlich wollte die Sekunde
    Sich dehnen, da wir starrend wechselseitig
    Uns ansahn, sprachberaubt mit offnem Munde.
Und aus beklommner Brust zuerst befreit ich
    Das schnelle Wort: »Du grause Truggestalt,
30     Entweiche, mache mir den Platz nicht streitig!«
Und er, als einer, über den Gewalt
    Die Furcht nur hat, erzwingend sich ein leises
    Und scheues Lächeln, sprach erwidernd: »Halt!
Ich bin's, du willst es sein; – um dieses Kreises,
35     Des wahnsinn-drohnden, Quadratur zu finden,
    Bist du der rechte, wie du sagst, beweis es;
Ins Wesenlose will ich dann verschwinden.
    Du Spuk, wie du mich nennst, gehst du das ein,
    Und willst auch du zu Gleichem dich verbinden?«
40 Drauf ich entrüstet: »Ja, so soll es sein!
    Es soll mein echtes Ich sich offenbaren,
    Zu Nichts zerfließen dessen leerer Schein!«
Und er: »So laß uns, wer du seist, erfahren!«
    Und ich: »Ein solcher bin ich, der getrachtet
45     Nur einzig nach dem Schönen, Guten, Wahren;
Der Opfer nie dem Götzendienst geschlachtet,
    Und nie gefrönt dem weltlich eitlen Brauch,
    Verkannt, verhöhnt, der Schmerzen nie geachtet;
Der irrend zwar und träumend oft den Rauch
50     Für Flamme hielt, doch mutig beim Erwachen
    Das Rechte nur verfocht: – bist du das auch?«
Und er mit wildem, kreischend lautem Lachen:
    »Der du dich rühmst zu sein, der bin ich nicht.
    Gar anders ist's bestellt um meine Sachen.
55 Ich bin ein feiger, lügenhafter Wicht,
    Ein Heuchler mir und andern, tief im Herzen
    Nur Eigennutz, und Trug im Angesicht.
Verkannter Edler du mit deinen Schmerzen,
    Wer kennt sich nun? Wer gab das rechte Zeichen?
60     Wer soll, ich oder du, sein Selbst verscherzen?
Tritt her, so du es wagst, ich will dir weichen!«
    Drauf mit Entsetzen ich zu jenem Graus:
    »Du bist es, bleib und laß hinweg mich schleichen!« –
Und schlich, zu weinen, in die Nacht hinaus.





Entstehungsjahr: 1828
Erscheinungsjahr: 1828
Aus: Gedichte / Sonette und Terzinen
Referenzausgabe:
Jost Perfahl: Adelbert von Chamisso. Sämtliche Werke in zwei Bänden, Bd. 1. Winkler-Verlag, München: 1975, S. 383-385.
Bemerkungen
Erstdruck in »Der Gesellschafter«, 12, 1828
Früherer Titel »Das Gespenst«

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.