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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Ludwig Joachim von Arnim (Achim von Arnim)

Getrennte Liebe

Zwei schöne liebe Kinder,
Die hatten sich so lieb,
Daß eines dem andern im Winter
Mit Singen die Zeit vertrieb,
5 Diesseit und jenseit am Wasserfall
Höret ihr immer den Doppelschall.
Der Winter bauet Brücken,
Sie beide hat vereint,
Und jedes mit frohem Entzücken
10 Die Brücke nun ewig meint;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Wohnten die Eltern getrennt im Tal.
Der Frühling ist gekommen,
Das Eis will nun aufgehn,
15 Da werden sie beide beklommen,
Die laulichen Winde wehn;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Stürzen die Bäche mit wildem Schall.
Was hilft der helle Bogen,
20 Womit der Fall entzückt,
Von ihnen so liebreich erzogen,
Zum erstenmal bunt geschmückt;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Höret sie klagen getrennt im Tal.
25 Die Vögel über fliegen,
Die Kinder traurig stehn,
Und müssen sich einsam begnügen
Einander von fern zu sehn;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
30 Kreuzen die Schwalben mit lautem Schall.
Sie möchten zusammen mit Singen,
So wie der Vögel Brut,
Den himmlischen Frühling verbringen,
Das Scheiden so wehe tut;
35 Diesseit und jenseit am Wasserfall
Sehn sie sich endlich zum letztenmal.
Der Knabe kriegt zur Freude
Ein Röckchen wie ein Mann,
Das Mädchen ein Kleidchen von Seide
40 Nun gehet die Schule an;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Gehn sie zum Kloster bei Glockenschall.
Sie sahn sich lang nicht wieder,
Sie kannten sich nicht mehr,
45 Das Mädchen mit vollem Mieder,
Der Knabe ein Mönch schon wär;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kamen und riefen sie sich im Tal.
Das Mädchen ruft so helle,
50 Der Knabe singt so tief;
Verstehen sich endlich doch schnelle,
Als alles im Hause schlief;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Springen im Mondschein die Fische all.
55 Froh in der nächtgen Frische,
Sie kühlen sich im Fluß,
Sie können nicht schwimmen wie Fische,
Und suchen sich doch zum Kuß;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
60 Reißen die Strudel sie fort mit Schall.
Die Eltern hören singen
Und schaun aus hohem Haus,
Zwei Schwäne im Sternenschein ringen
Zum Dampfe des Falls hinaus;
65 Diesseit und jenseit am Wasserfall
Hören sie Echo mit lautem Schall.
Die Schwäne herrlich sangen
Ihr letztes schönstes Lied,
Und leuchtende Wölkchen hangen,
70 Manch Engelein nieder sieht;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Schwebet wie Blüte ein süßer Schall.
Der Mond sieht aus dem Bette
Des glatten Falls empor,
75 Die Nacht mit der Blumenkette
Erhebet zu sich dies Chor;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Grünt es von Tränen nun überall.





Entstehungsjahr: vor 1811
Erscheinungsjahr: 1810
Aus: Gedichte 1809-1810
Referenzausgabe:
Lützeler (Bd 2.) / Ulfert Ricklefs (Bd. 5): Achim von Arnim. Werke in sechs Bänden, Bd. 5. Deutscher Klassiker-Verlag: 1994, S. 703-706.
Bemerkungen
Erstdruck in »Gräfin Dolores« (1810), Bd. 1, S. 586-588 und Bd. 2, S. 300-302.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.