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Johann Christoph Friedrich von Schiller
Resignation
Eine Phantasie
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Auch ich war in Arkadien geboren, |
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auch mir hat die Natur |
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An meiner Wiege Freude zugeschworen, |
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auch ich war in Arkadien geboren, |
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doch Tränen gab der kurze Lenz mir nur. |
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Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder, |
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Mir hat er abgeblüht. |
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Der stille Gott – o weinet, meine Brüder – |
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der stille Gott taucht meine Fackel nieder, |
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und die Erscheinung flieht. |
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Da steh ich schon auf deiner Schauerbrücke, |
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Ehrwürdge Geistermutter – Ewigkeit. |
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Empfange meinen Vollmachtbrief zum Glücke, |
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ich bring ihn unerbrochen dir zurücke, |
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mein Lauf ist aus. Ich weiß von keiner Seligkeit. |
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Vor deinem Thron erheb' ich meine Klage, |
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verhüllte Richterin. |
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Auf jenem Stern ging eine frohe Sage, |
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Du thronest hier mit des Gerichtes Waage |
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und nennest dich Vergelterin. |
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Hier – spricht man – warten Schrecken auf den Bösen, |
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und Freuden auf den Redlichen. |
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Des Herzens Krümmen werdest du entblößen, |
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Der Vorsicht Rätsel werdest du mir lösen, |
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und Rechnung halten mit dem Leidenden. |
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Hier öffne sich die Heimat dem Verbannten, |
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hier endige des Dulders Dornenbahn. |
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Ein Götterkind, das sie mir Wahrheit nannten, |
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Die meisten flohen, wenige nur kannten, |
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hielt meines Lebens raschen Zügel an. |
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»Ich zahle dir in einem anderen Leben, |
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gib deine Jugend mir, |
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Nichts kann ich dir als diese Weisung geben.« |
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Ich nahm die Weisung auf das andere Leben, |
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und meiner Jugend Freuden gab ich ihr. |
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»Gib mir das Weib, so teuer deinem Herzen, |
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gib deine Laura mir. |
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Jenseits der Gräber wuchern deine Schmerzen.« – |
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Ich riß sie blutend aus dem wunden Herzen, |
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und weinte laut, und gab sie ihr. |
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»Du siehst die Zeit nach jenen Ufern fliegen, |
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die blühende Natur |
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bleibt hinter ihr – ein welker Leichnam – liegen. |
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Wenn Erd und Himmel trümmernd aus einander fliegen, |
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daran erkenne den erfüllten Schwur.« |
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»Die Schuldverschreibung lautet an die Toten«, |
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hohnlächelte die Welt, |
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»Die Lügnerin, gedungen von Despoten |
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hat für die Wahrheit Schatten dir geboten, |
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du bist nicht mehr, wenn dieser Schein verfällt.« |
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Frech witzelte das Schlangenheer der Spötter: |
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»Vor einem Wahn, den nur Verjährung weiht, |
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erzitterst du? Was sollen deine Götter, |
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des kranken Weltplans schlau erdachte Retter, |
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die Menschenwitz des Menschen Notdurft leiht?« |
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Ein Gaukelspiel, ohnmächtigen Gewürmen |
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von mächtigem gegönnt, |
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Schreckfeuer angesteckt auf hohen Türmen, |
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Die Phantasie des Träumers zu bestürmen, |
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wo des Gesetzes Fackel dunkel brennt.« |
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»Was heißt die Zukunft, die uns Gräber decken? |
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Die Ewigkeit, mit der du eitel prangst? |
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Ehrwürdig nur, weil schlaue Hüllen sie verstecken, |
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der Riesenschatten unsrer eignen Schrecken |
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Im hohlen Spiegel der Gewissensangst«; |
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Ein Lügenbild lebendiger Gestalten, |
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die Mumie der Zeit, |
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vom Balsamgeist der Hoffnung in den kalten |
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Behausungen des Grabes hingehalten, |
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das nennt dein Fieberwahn – Unsterblichkeit?« |
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»Für Hoffnungen – Verwesung straft sie Lügen – |
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gabst du gewisse Güter hin? |
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Sechstausend Jahre hat der Tod geschwiegen, |
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Kam je ein Leichnam aus der Gruft gestiegen |
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der Meldung tat von der Vergelterin?« |
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Ich sah die Natur nach deinen Ufern fliegen, |
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die blühende Natur |
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blieb hinter ihr, ein welker Leichnam, liegen, |
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Kein Toter kam aus seiner Gruft gestiegen, |
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und fest vertraut' ich auf den Götterschwur. |
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All meine Freuden hab ich dir geschlachtet, |
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jetzt werf ich mich vor deinen Richterthron. |
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Der Menge Spott hab ich beherzt verachtet, |
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nur deine Güter hab ich groß geachtet, |
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Vergelterin, ich fordre meinen Lohn. |
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»Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder, |
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rief unsichtbar ein Genius. |
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Zwei Blumen, rief er – hört es Menschenkinder – |
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Zwei Blumen blühen für den weisen Finder, |
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sie heißen Hoffnung und Genuß. |
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Wer dieser Blumen Eine brach, begehre |
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die andre Schwester nicht. |
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Genieße wer nicht glauben kann. Die Lehre |
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ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre. |
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Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. |
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Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen, |
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dein Glaube war dein zugewognes Glück. |
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Du konntest deine Weisen fragen, |
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was man von der Minute ausgeschlagen |
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gibt keine Ewigkeit zurück.« |