|
Gottfried Keller
[Es wandert eine schöne Sage]
|
|
Es wandert eine schöne Sage, |
|
Wie Veilchenduft, auf Erden um, |
|
Wie sehnsuchtsvolle Liebesklage |
|
In lauer Frühlingsnacht herum. |
|
| 5 |
 |
Das ist das Lied vom Völkerfrieden |
|
Und von dem letzten Menschenglück, |
|
Von goldner Zeit, die einst hienieden |
|
In ew'ger Klahrheit kehrt zurück; |
|
|
Wo einig alle Völker beten |
| 10 |
 |
Zum Einen König, Gott und Hirt: |
|
Von jenem Tag, wo den Propheten |
|
Ihr ehern Recht gesprochen wird. |
|
|
Dann wird's nur Eine Schmach noch geben, |
|
Nur Eine Sünde auf der Welt: |
| 15 |
 |
Das ist: das neid'ge Widerstreben, |
|
Das es für Traum und Wahnsinn hält. |
|
|
Wer jene Hoffnung gab verloren, |
|
Und böslich sie verloren gab: |
|
Er wäre besser ungeboren |
| 20 |
 |
Und ihm gebührt kein Menschengrab. |