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[Andere Fassung]


An das Herz

Kleines Ding, um uns zu quälen,
Hier in diese Brust gelegt!
Ach wer's vorsäh', was er trägt,
Würde wünschen, tätst ihm fehlen!
5 Deine Schläge, wie so selten
Mischt sich Lust in sie hinein!
Und wie augenblicks vergelten
Sie ihm jede Lust mit Pein!
Ach! und weder Lust noch Qualen
10 Sind ihm schrecklicher als das:
Kalt und fühllos! O ihr Strahlen,
Schmelzt es lieber mir zu Glas!
Lieben, hassen, fürchten, zittern,
Hoffen, zagen bis ins Mark,
15 Kann das Leben zwar verbittern;
Aber ohne sie wär's Quark!
[Andere Fassung]


Unser Herz

Kleines Ding, um uns zu quälen
Hier in diese Brust gelegt,
Wüßte mancher was er trägt,
Würde wünschen, tätst ihm fehlen.
5 Deine Schläge, wie so selten,
Mischt sich Lust in sie hinein
Und wie sind sie schnell, mit Pein
Jede Lust ihm zu vergelten!
Dennoch, weder Lust noch Qualen
10 Wär' weit schrecklicher als das.
Lieber schmelzt mein Herz zu Glas,
Meines Schicksals heiße Strahlen,
Lieben, hassen, streben, zittern,
Hoffen, zagen bis ins Mark.
15 Ach das Leben wär' ein Quark
Tätest du es nicht verbittern.
[Andere Fassung]


An mein Herz

  Kleines Ding mit Müh' und Leiden
Hier in dieser Brust gepfleget,
Herz! wenn sich dein Sturm nicht leget,
Herz! wo sind denn deine Freuden?
5   Deine Schläge! wie so selten
Mischt sich Lust in sie hinein!
Und wie schnell sind sie, mit Pein
Jede Lust mir zu vergelten!
  Phyllis! ach nur Augenblicke
10 Lacht, was jeden Unmut stillt,
Lächelt dein geliebtes Bild
Es von ew'gem Gram zurücke.
  Ganz verwandelt, neu geboren
Fühl' ich dann mich, Göttern gleich:
15 Und die Welt ein Himmelreich,
Das du dir zum Sitz erkoren.
  Ja, ein Blick von dir zerteilet
Der Verzweiflung Nacht in mir,
Daß mit Riesenschritt zu dir
20 Meine Hoffnung siegreich eilet.
  Alles sind mir deine Augen
Was der Erde Sonnenschein,
Wo die Trauben ihren Wein,
Die Geschöpfe Leben saugen.
25   Könnt' ich dir zu fühlen geben
All die Wohltat deines Blicks!
Schöpfer meines ganzen Glücks,
Spricht er über Tod und Leben.
  Aber Angst und Furcht und Schrecken
30 Überfällt im höchsten Wohl
Mich auf einmal: Phyllis! soll
Diesen Blick einst Nacht bedecken?
  Sollen diese Zaubermienen,
Wo der Liebe ganze Macht
35 Mir das Herz hinweg gelacht,
Einst dem trüben Unmut dienen?
  Dieser Busen, der mir Triebe
Banger Lust entgegen schwoll,
Soll er schwinden? Himmel! soll
40 Ihn kein Wunsch empören, Liebe?
  Phyllis, soll sogar dein Feuer
Und dein schöner Witz dich fliehn?
Ungetreue – sieh mich knien,
Dennoch bleibst du, bleibst mir teuer.
45   Fährt dein Herz nun fort zu schlagen,
Für das Herz das dich verehrt,
Dem du diese Glut gelehrt,
Sie bis in sein Grab zu tragen.
  Ach ich will dich mit Entzücken,
50 Wenn dein Herz nur fühlbar ist,
Selbst wenn du es nicht mehr bist,
An des Greisen Schneebrust drücken.
  Auf verwelkten Lippen schweben
Unsre Seelen noch vereint,
55 Wenn das Auge nicht mehr weint,
Soll es doch zu weinen streben.
  Zitternd falten wir die Hände
Ineinander, halb vertaubt,
Stützen wir noch Haupt an Haupt
60 Und erwarten so das Ende.

Entstehungsjahr: vor 1776
Erscheinungsjahr: 1776
Fassung: Andere
Referenzausgabe:
Franz Blei: Jakob Michael Reinhold Lenz. Gesammelte Schriften, Bd. 1. Verlag von Georg Müller: 1909, S. 98-99.

Entstehungsjahr: vor 1776
Erscheinungsjahr: 1776
Fassung: Andere
Aus: Die Gedichte
Referenzausgabe:
Franz Blei: Jakob Michael Reinhold Lenz. Gesammelte Schriften, Bd. 1. Verlag von Georg Müller: 1909, S. 98.
Bemerkungen
Andere Fassung von »An das Herz« und »An mein Herz«

Entstehungsjahr: vor 1776
Erscheinungsjahr: 1776
Fassung: Andere
Aus: Die Gedichte
Referenzausgabe:
Franz Blei: Jakob Michael Reinhold Lenz. Gesammelte Schriften, Bd. 1. Verlag von Georg Müller: 1909, S. 95-97.