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[Frühe Fassung]


[Wende dich, du kleiner Stern]

Wende dich, du kleiner Stern,
Erde! wo ich lebe,
Daß mein Aug', der Sonne fern,
Sternenwärts sich hebe.
5 Heilig ist die Sternenzeit,
Öffnet alle Grüfte,
Strahlende Unsterblichkeit
Wandelt durch die Lüfte.
Mag die Sonne nun bislang
10 Andern Zonen scheinen!
Hier fühl' ich Zusammenhang
Mit dem All' und Einen.
Hohe Lust! im dunkeln Tal,
Selber ungesehen,
15 Durch den majestät'schen Saal
Atmend mitzugehen!
Schwinge dich, o grünes Rund,
In die Morgenröte!
Scheidend rückwärts singt mein Mund
20 Jubelnde Gebete.
Lieblich diese Sonne lacht
Und der Tag wird heiter:
Doch, wer nächtlich einsam wacht,
Kennt – noch etwas weiter.
[Späte Fassung]


Unter Sternen

Wende dich, du kleiner Stern,
Erde! wo ich lebe,
Daß mein Aug', der Sonne fern,
Sternenwärts sich hebe!
5 Heilig ist die Sternenzeit,
Öffnet alle Grüfte;
Strahlende Unsterblichkeit
Wandelt durch die Lüfte.
Mag die Sonne nun bislang
10 Andern Zonen scheinen,
Hier fühl' ich Zusammenhang
Mit dem All' und Einen!
Hohe Lust, im dunklen Tal,
Selber ungesehen,
15 Durch den majestät'schen Saal
Atmend mitzugehen!
Schwinge dich, o grünes Rund,
In die Morgenröte!
Scheidend rückwärts singt mein Mund
20 Jubelnde Gebete!

Entstehungsjahr: 1844
Erscheinungsjahr: 1846
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte 1846 / Natur / Nacht VI.
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 25-26.

Entstehungsjahr: vor 1889
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / I. Buch der Natur
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 389.