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[Frühe Fassung]


Schifferlied

Schon hat die Nacht den Silberschrein
Des Himmels aufgetan,
Nun spült der See den Widerschein
Zu dir, zu dir hinan!
5 Wach' auf, Marian!
Und in dem Glanze schaukelt sich
Ein leichter dunkler Kahn,
Der aber trägt und schaukelt mich
Zu dir, zu dir hinan!
10 Wach' auf, Marian!
Ich höre schon den Brunnen geh'n
Dem Pförtlein nebenan,
Und dieses hat ein frisches Weh'n
Soeben aufgetan.
15 Wach' auf, Marian!
Ich fühle, wie die Erde schwellt
Zum Himmel leis hinan;
Nach Liebe dürstet alle Welt –
Mein Schifflein, leg' dich an!
20 Wach' auf, Marian!
Dies Lied hat mir ein Bursch' gemacht,
Der fuhr in meinem Kahn;
Er hat's für dich und mich erdacht,
Bet' für ihn, Marian!
25 Wach' auf, Marian!
[Späte Fassung]


Schifferliedchen

Schon hat die Nacht den Silberschrein
Des Himmels aufgetan;
Nun spült der See den Widerschein
Zu dir, zu dir hinan!
5 Und in dem Glanze schaukelt sich
Ein leichter dunkler Kahn;
Der aber trägt und schaukelt mich
Zu dir, zu dir hinan!
Ich höre schon den Brunnen gehn
10 Dem Pförtlein nebenan,
Und dieses hat ein gütig Wehn
Von Osten aufgetan.
Das Sternlein schießt, vom Baume fällt
Das Blust in meinen Kahn;
15 Nach Liebe dürstet alle Welt,
Nun, Schifflein, leg' dich an!

Entstehungsjahr: vor 1849
Erscheinungsjahr: 1854
Fassung: Frühe
Aus: Neuere Gedichte 1854 / Jahreszeiten
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 189.

Entstehungsjahr: vor 1889
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / I. Buch der Natur / Drei Ständchen 3
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 391-392.