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[Frühe Fassung]


Poetentod

Der Herbstwind zieht; der Dichter liegt im Sterben,
Die Wolkenschatten jagen an der Wand;
An seinem Lager knien die zarten Erben,
Des Weibes Stirn ruht heiß auf seiner Hand.
5 Mit dunklem Purpurwein, darin ertrunken
Ein letzter Abendstrahl, netzt er den Mund,
Dann wieder rückwärts auf den Pfühl gesunken,
Tut er den letzten Willen also kund:
»Die ich aus Wunderklängen aufgerichtet,
10 Dahin ist dieses Hauses Herrlichkeit!
Ich habe ausgelebt und ausgedichtet
Mein blühend Lied und meine Erdenzeit.
Das stolz und mächtig diese Welt regierte,
Es bricht mein Herz, mit ihm das Königshaus;
15 Der Gastfreund, der die edlen Hallen zierte,
Der Ruhm wallt mit dem Leichenzug hinaus.
Dann löschet meines Herdes Weihrauchflamme
Und zündet wieder stille Kohlen an,
Wie's Sitte war bei meiner Väter Stamme
20 Eh ich den Schritt auf dieses Rund getan.
Und was den Herd in schöner Form umkränzte,
Was sich an alter Weisheit um ihn fand,
In heil'gen Schriften auf Gesimsen glänzte,
Streut in den Wind, gebt in der Juden Hand:
25 Daß meines Geistes unbekannter Erbe
Mit klarem Aug', im leichten Schülerkleid,
Auf offnem Markt sich ahnungsvoll erwerbe,
Was ich in Sternennächten eingeweiht.
Nur meine Rosengärten lasset stehen,
30 Bis auch mein herrliches Poetenweib,
Im nächsten Lenze, wird zur Ruhe gehen,
Den Blumen gebend ihren schönen Leib.
Dann aber mäht die Rosenbüsche nieder
Und brechet meine grünen Lauben ab!
35 Der Boden trage Kohl und Rübe wieder: –
Nur Eine Rose laßt auf unserm Grab!
Mein Lied wird siegreich durch die Lande klingen,
Ein Banner von den Höhn der Erde wehn:
Doch ungekannt, mit mühsalschwerem Ringen
40 Wird meine Sippschaft dran vorübergehn.
Drum sollt ihr meinem Sohn das Leben gründen,
Gebt ihm ein Handwerk, oder auch ein Schwert:
Und du, mein Mädchen! wirst den Freier finden,
Der dich in Lieb' und Treuen redlich nährt.
45 Gebt jenen Band verblichner Schrift den Flammen,
s'Ist meiner Jugend greller Widerschein;
Ein frisches Lorbeerreis biegt mir zusammen
Und legt's zu Häupten mir im Totenschrein.
Arm, wie ich kam, soll man hinaus mich tragen!
50 Den Lorbeer nur will ich mit Zaubermacht
Als Wünschelrute an die Sterne schlagen
Nach neuen Klängen aus der Strahlenpracht.« –
Noch überläuft sein Angesicht, das reine,
Mit einem Strahl das sinkende Gestirn –:
55 So glühte eben noch im Rosenscheine,
Nun starret kalt und weiß des Berges Firn.
Und wie das Schneegebirg, erlöscht, verblichen,
Zum Himmel raget zwischen Tag und Nacht,
Der letzte Glockenhall durchs Tal gestrichen,
60 Dann tiefe Stille ob den Landen wacht:
Die ganze Größe dieses stummen Spieles
Ruht in der engen Totenkammer nun,
Wo Weib und Kinder, stumm, voll Wehgefühles,
Verlassen um die Dichterleiche ruhn.
65 Und wie durch Alpendämmerung das Rauschen
Von eines späten Adlers Flügeln weht:
Ist in der Todesstille zu erlauschen,
Wie eine Geisterschar von hinnen geht.
Sie ziehen aus, des Seligen Penaten,
70 In reiche Prachtgewande tief verhüllt;
Sie gehn, die an der Wiege schon beraten,
Was er in Liedern dann so schön erfüllt.
Voran, gesenkten Blicks, das Leid der Erde,
Verschlungen mit der Freude Traumgestalt,
75 Die Phantasie, und endlich, ihr Gefährte,
Der Witz, mit leerem Becher, stolz und kalt.
[Späte Fassung]


Poetentod

Der Herbstwind rauscht; der Dichter liegt im Sterben,
Die Blätterschatten fallen an der Wand;
An seinem Lager knie'n die zarten Erben,
Des Weibes Stirn ruht heiß auf seiner Hand.
5 Mit dunklem Purpurwein, darin ertrunken
Der letzten Sonne Strahl, netzt er den Mund;
Dann wieder rückwärts auf den Pfühl gesunken,
Tut er den letzten Willen also kund:
»Die ich aus luft'gen Klängen aufgerichtet,
10 Vorbei ist dieses Hauses Herrlichkeit;
Ich habe ausgelebt und ausgedichtet
Mein Tagewerk und meine Erdenzeit.
Das keck und sicher seine Welt regierte,
Es bricht mein Herz, mit ihm das Königshaus;
15 Der Hungerschlucker, der die Tafel zierte:
Der Ruhm, er flattert mit den Schwalben aus.
So löschet meines Herdes Weihrauchflamme
Und zündet wieder schlechte Kohlen an,
Wie's Sitte war bei meiner Väter Stamme,
20 Vor ich den Schritt auf dieses Rund getan!
Und was den Herd bescheid'nen Schmuckes kränzte,
Was sich an alter Weisheit um ihn fand,
In Weihgefäßen auf Gesimsen glänzte,
Streut in den Wind, gebt in der Juden Hand!
25 Daß meines Sinnes unbekannter Erbe
Mit find'ger Hand, vielleicht im Schülerkleid,
Auf off'nem Markte ahnungsvoll erwerbe
Die Heilkraft wider der Vernachtung Leid.
Werft jenen Wust verblichner Schrift in's Feuer,
30 Der Staub der Werkstatt mag zu Grunde geh'n!
Im Reich der Kunst, wo Raum und Licht so teuer,
Soll nicht der Schutt dem Werk im Wege steh'n!
Dann laßt des Gartens Zierde niedermähen,
Weil unfruchtbar; die Lauben brechet ab!
35 Zwei junge Rosenbäumchen lasset stehen
Für mein und meiner lieben Frauen Grab!
Mein Lied mag auf des Volkes Wegen klingen,
Wo seine Banner von den Türmen weh'n;
Doch ungekannt mit mühsalschwerem Ringen
40 Wird meine Sippschaft dran vorübergehn!«
Noch überläuft sein Angesicht, das reine,
Mit einem Strahl das sinkende Gestirn;
So glühte eben noch im Purpurscheine,
Nun starret kalt und weiß des Berges Firn.
45 Und wie durch Alpendämmerung das Rauschen
Von eines späten Adlers Schwingen webt,
Ist in der Todesstille zu erlauschen,
Wie eine Geisterschar von hinnen schwebt.
Sie ziehen aus, des Schweigenden Penaten,
50 In faltige Gewande tief verhüllt;
Sie geh'n, die an der Wiege einst beraten,
Was als Geschick sein Leben hat erfüllt!
Voran, gesenkten Blicks, das Leid der Erde,
Verschlungen mit der Freude Traumgestalt,
55 Die Phantasie und endlich ihr Gefährte,
Der Witz, mit leerem Becher, still und kalt.
[Andere Fassung]


Poetentod

Der Herbstwind zieht, der Dichter liegt am Sterben,
Die Wolkenschatten jagen an der Wand;
An seinem Lager knien die zarten Erben,
Des Weibes Stirn ruht heiß auf seiner Hand.
5 Darin ein flücht’ger Abendstrahl ertrunken,
Mit dunklem Purpurwein netzt er den Mund;
Und wieder rückwärts auf den Pfühl gesunken,
Tut er den letzten Willen also kund:
»Die ich aus Wunderklängen aufgerichtet,
10 Vorbei ist dieses Hauses Herrlichkeit!
Ich habe ausgelebt und ausgedichtet
Mein blühend Lied, dich, meine Erdenzeit!
Das stolz und mächtig diese Welt regierte,
Es bricht mein Herz, mit ihm das Königshaus!
15 Der Gastfreund, der die edlen Hallen zierte,
Der Ruhm wallt mit dem Leichenzug hinaus.
Dann löschet meines Herdes helle Flamme
Und zündet wieder stille Kohlen an,
Wie’s Sitte war bei meiner Väter Stamme,
20 Eh ich den Schritt auf dieses Rund getan.
Und was den Herd in schönen Formen zierte,
was sich an alter Weisheit um ihn fand,
Die heil’gen Schriften, die ich bei mir führte,
Streut in den Wind, gebt in der Juden Hand:
25 Daß meines Geistes namenloser Erbe
Mit klarem Aug, im leichten Schülerkleid,
Auf offnem Markt sich ahnungsvoll erwerbe,
Was ich in Sternennächten eingeweiht.
Nur meine Rosengärten lasset stehen,
30 Bis auch mein herrliches Poetenweib
Im nächsten Lenze wird zur Ruhe gehen,
den Blumen schenkend ihren schönen Leib.
Dann aber mäht die Rosenbüsche nieder
Und brechet meine grünen Lauben ab!
35 Der Boden trage Kohl und Rüben wieder –
Nur eine Rose laßt auf meinem Grab!
Mein Lied wird siegreich durch die Lande klingen,
Ein Banner, von den Höhn der Erde wehn;
Doch ungekannt, mit mühsalschwerem Ringen
40 Wird meine Sippe dran vorübergehn.
Drum sollt ihr meinem Sohn das Leben gründen,
Gebt ihm ein Handwerk oder auch ein Schwert,
Und meine Tochter laßt den Freier finden,
Der sie in Lieb und Treuen redlich nährt.
45 Gebt jenen Band verblichner Schrift den Flammen,
’s ist meiner Jugend greller Widerschein;
Die Asche und mein Lorbeerreis zusammen
Legt mir zu Häupten dann im Totenschrein!
Arm, wie ich kam, soll man hinaus mich tragen!
50 Den Lorbeer nur will ich mit Zaubermacht
Als Wünschelrute an die Stirne schlagen
Nach neuen Klängen aus der Strahlenpracht!« –
Noch überläuft sein Angesicht, das reine,
Mit einem Strahl das sinkende Gestirn –
55 So glühte eben noch im Rosenscheine,
Nun starret kalt und weiß des Berges Firn.
Und wie das Scheegebirg, erlöscht, verblichen,
Zum Himmel raget zwischen Tag und Nacht,
Der letzte Nachhall übers Tal gestrichen,
60 Dann tiefe Stille auf den Landen wacht:
Die ganze Größe dieses schönen Spieles
Liegt in der engen Totenkammer nun,
Wo Weib und Kinder, stumm, voll Wehgefühles,
Verlassen um die Dichterleiche ruhn!
65 Und wie durch Alpendämmerung das Rauschen
Von eines späten Adlers Flügeln weht:
Ist in der Totenstille zu erlauschen,
Wie eine Geisterschar von hinnen geht.
Sie ziehen aus, des Seligen Penaten,
70 In reiche Prachtgewänder tief verhüllt;
Sie gehn, die an der Wiege schon beraten,
Was er in Liedern dann so schön erfüllt.
Voran, gesenkten Blicks, das Leid der Erde,
Verschlungen mit der Freude Traumgestalt,
75 Die Phantasie, und endlich ihr Gefährte,
Der Witz, mit leerem Becher, stolz und kalt.

Entstehungsjahr: 1845
Erscheinungsjahr: 1846
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte 1846 / Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 163-165.

Entstehungsjahr: vor 1889
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / XI. Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 708-710.

Entstehungsjahr: 1845
Erscheinungsjahr: 1936
Fassung: Andere
Aus: Gedichte 1846 / Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Jonas Fränkel / Carl Helbling: Gottfried Keller. Sämtliche Werke, Bd. 14. Benteli, Bern: 1936, S. 266-269.