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[Frühe Fassung]


Walpurgis

Ich fürcht' nicht Gespenster,
Keine Hexen und Fee'n,
Und lieb's, in ihre tiefen
Glühaugen zu seh'n.
5 Am Wald, in dem grünen
Unheimlichen See,
Da wohnet ein Nachtweib,
Das ist weiß, wie der Schnee.
Es haßt meiner Schönheit
10 Unschuldige Zier;
Wenn ich nächtlich vorbeigeh',
So zankt es mit mir.
Doch der Schein meiner Augen
Und das Rot von meinem Mund
15 Verscheuchen das Spukweib
Alsbald auf den Grund.
Jüngst, als ich im Mondschein
Am Waldwasser stand,
Fuhr sie auf ohne Schleier,
20 Ohne alles Gewand!
Es schwammen ihre Glieder
In der taghellen Nacht;
Der Himmel war trunken
Von der höllischen Pracht.
25 Aber ich hab' entblößet
Meine lebendige Brust;
Da hat sie mit Schande
Versinken gemußt!
[Späte Fassung]


[Ich fürcht' nit Gespenster]

Ich fürcht' nit Gespenster,
Keine Hexen und Feen,
Und lieb's, in ihre tiefen
Glühaugen zu seh'n.
5 Am Wald in dem grünen
Unheimlichen See,
Da wohnet ein Nachtweib,
Das ist weiß wie der Schnee.
Es haßt meiner Schönheit
10 Unschuldige Zier;
Wenn ich spät noch vorbeigeh',
So zankt es mit mir.
Jüngst, als ich im Mondschein
Am Waldwasser stand,
15 Fuhr sie auf ohne Schleier,
Ohne alles Gewand.
Es schwammen ihre Glieder
In der taghellen Nacht;
Der Himmel war trunken
20 Von der höllischen Pracht.
Aber ich hab' entblößet
Meine lebendige Brust;
Da hat sie mit Schande
Versinken gemußt!

Entstehungsjahr: 1846
Erscheinungsjahr: 1854
Fassung: Frühe
Aus: Neuere Gedichte 1854 / Von Weibern 4
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 194.

Entstehungsjahr: vor 1889
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / XI. Vermischte Gedichte / Alte Weisen 4
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 664.