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[Frühe Fassung]


[Ein Fischlein steht im kühlen Grund]

Ein Fischlein steht im kühlen Grund,
Durchsichtig fließen die Wogen,
Und senkrecht ob ihm hat sein Rund
Ein schwebender Falk gezogen.
5 Der ist so klein und fern zu sehn,
Ein Punkt im blauen Dome;
Er sieht das Fischlein ruhig stehn,
Glänzend im tiefen Strome.
Und dieses auch hinwieder sieht
10 In's Blaue durch seine Welle –
Ich glaube gar, die Sehnsucht zieht
Ein's an des Andern Stelle!
Wenn man so frei, so kühl, so hoch,
Wie ein Fisch oder Falk kann schweben:
15 Dann ist am End' dies Sehnen noch
Der beste Teil am Leben.
Doch wer mit lahm gebog'nem Knie
Wie ein Wurm im Staub muß liegen,
Der zähme seine Phantasie,
20 Lern' schwimmen erst, oder fliegen!
[Späte Fassung]


[Ein Fischlein steht am kühlen Grund]

Ein Fischlein steht am kühlen Grund,
Durchsichtig fließen die Wogen,
Und senkrecht ob ihm hat sein Rund
Ein schwebender Falk gezogen.
5 Der ist so lerchenklein zu seh'n
Zuhöchst im Himmelsdome;
Er sieht das Fischlein ruhig steh'n,
Glänzend im tiefen Strome!
Und dieses auch hinwieder sieht
10 In's Blaue durch seine Welle.
Ich glaube gar, das Sehnen zieht
Eins an des andern Stelle!

Entstehungsjahr: 1845
Erscheinungsjahr: 1846
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte 1846 / Natur / Sommer 7; Am Wasser 3
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 35.

Entstehungsjahr: vor 1889
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / I. Buch der Natur / Am fließenden Wasser 3
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 419.