Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
Nur ein Gedicht pro Seite anzeigen.

[Frühe Fassung]


Ehescheidung

Zum Pfäffel kam ein Pärchen und schrie:
Geschwinde laßt uns frei'n!
Wir können nicht eine einzige Stund'
Mehr ohne einander sein!
5 Und aber ein Jährlein kaum verstrich,
Sie liefen herbei und schrie'n:
Herr Pfarrer, trennt und scheidet uns,
Laßt keine Minute verzieh'n!
Das Pfäfflein runzelte sich und sprach:
10 Macht euch die Scham nicht rot?
Wir haben es alle Drei beschwor'n:
Euch trenne nur der Tod!
Rot macht die Scham, doch Reue bleich!
Herr Pfarrer, gebt uns frei!
15 Der Mann bot einen Beutel dar,
Die Frau der Beutel zwei.
Da tat das Pfäffel zwischen sie
Ein Kätzelein, heil und ganz;
Der Mann, der hielt es bei dem Kopf,
20 Die Frau hielt es am Schwanz.
Der Pfaff mit großem Messer hieb
Das Kätzelein entzwei:
»Es trennt, es trennt, es trennt der Tod!«
Da waren sie wieder frei.
[Späte Fassung]


Ehescheidung (Amerikanisch)

Zum Pfäffel kam ein Pärchen und schrie:
Geschwind und laßt uns frei'n!
Wir können keinen einzigen Tag
Mehr ohne einander sein!
5 Und aber ein Jährlein kaum verstrich,
Sie liefen herbei und schrie'n:
Herr Pfarrer, trennt und scheidet uns,
Laßt keine Stunde flieh'n!
Das Pfäfflein runzelte sich und sprach:
10 Macht euch die Scham nicht rot?
Wir haben es alle drei gelobt,
Euch trenne nur der Tod!
Rot macht die Scham, doch Reue blaß!
Herr Pfarrer, gebt uns frei!
15 Der Mann bot einen Dollar dar,
Die Frau der Dollars zwei.
Da tat das Pfäffel zwischen sie
Ein Kätzlein, heil und ganz;
Der Mann der hielt es bei dem Kopf,
20 Die Frau hielt es am Schwanz.
Mit seinem Küchenmesser schnitt
Der Pfarr die Katz' entzwei:
»Es trennt, es trennt, es trennt der Tod!«
Da waren sie wieder frei.

Entstehungsjahr: vor 1855
Erscheinungsjahr: 1854
Fassung: Frühe
Aus: Neuere Gedichte 1854 / Romanzen
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 273-274.

Entstehungsjahr: vor 1889
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / XI. Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 698.