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[Frühe Fassung]


Bei einer Kindesleiche

Den Niemand kommen hört und kommen sieht,
Er hat geweht, der Wind, – den Baum geschwungen
Des Wurzelwerk die Erde überzieht,
in dessen Kron' ich dieses Lied gesungen;
5 Das jüngste Knösplein, gestern dran erblüht,
Hat über Nacht sich leise losgerungen:
Es fiel, und Niemand gab wohl weiter Acht,
Als ich, der, just zunächst dabei, gewacht.
So bist erlöscht du, lieblich junges Licht,
10 Das mir erquickend in das Herz gezündet?
Noch sprach drei Worte deine Zunge nicht,
Doch hat dein Lallen mir so Viel verkündet!
Das Sehnen, das die zartsten Bande flicht,
Es hat tiefinnig mich mit dir verbündet:
15 Ja, vor viel Großem unter dieser Sonnen
Hab' ich dich Kleinen wert und lieb gewonnen!
Ob ich gen Himmel sah, in's blaue Meer,
Ob in dein Aug', es war das gleiche Schauen:
Es leuchtete aus diesen Sternen her
20 Ursprünglich reines Licht von schönern Auen.
Wie oft senkt' ich den Blick, von Mühsal schwer,
Ihn frischend, tief in dies verklärte Blauen!
Wie war das Lachen deines Mundes fein!
Wie echt war unsre Freundschaft, still und rein!
25 Nie hab' an deine Zukunft ich gedacht,
Die Gegenwart war ja so schön und heiter!
Du hast wie eine Blume mir gelacht
Und an des Herbstes Frucht dacht' ich nicht weiter;
Ob einst vielleicht ein Held in dir erwacht',
30 Ob hoch du steigest auf der großen Leiter:
Du lieblich Kind warst in dir selbst vollkommen –
Was sollte dir und mir die Sorge frommen?
Zu der du wiederkehrst, grüß' mir die Quelle,
Des Lebens Born, doch besser, grüß' das Meer,
35 Das eine Meer des Lebens, dessen Welle
Hoch flutet um die dunkle Klippe her,
Darauf er sitzt, der traurige Geselle,
Der Tod – verlassen, einsam, tränenschwer,
Wenn ihm die Seelen, kaum hier eingefangen,
40 Laut jubelnd wieder in die See gegangen.
[Späte Fassung]


Bei einer Kindesleiche

Den Niemand kommen hört und kommen sieht,
Er hat geweht, der Wind, den Baum geschwungen,
Dess' Wurzelwerk die Erde überzieht,
In dessen Kron' ich dieses Lied gesungen;
5 Das jüngste Knösplein, gestern dran erblüht,
Hat über Nacht sich leise losgerungen;
Es fiel, und niemand gab wohl weiter acht,
Als ich, der mit dem Zufall hielt die Wacht.
So bist erlöscht du, lieblich junges Licht,
10 Das mir erquickend in das Herz gezündet?
Noch sprach zwei Wörtchen deine Zunge nicht,
Doch hat dein Lallen mir so viel verkündet!
Das Sehnen, das die zartsten Bande flicht,
Es hat tiefinnig mich mit dir verbündet;
15 Ja, vor viel Großem unter dieser Sonnen
Hab' ich dich kleinen Nachbar wert gewonnen!
Ob ich gen Himmel sah in's blaue Meer,
Ob in dein Aug', es war das gleiche Schauen;
Es leuchtete aus diesen Sternen her
20 Ursprünglich helles Licht von schönern Auen.
Wie oft senkt' ich den Blick, von Mühsal schwer,
Ihn frischend, tief in dies verklärte Blauen!
Wie war das Lachen deines Mundes fein!
Wie echt war uns're Freundschaft, still und rein!
25 Nie hab an deine Zukunft ich gedacht,
War ja die Gegenwart so klar und heiter!
Du hast wie eine Blume mir gelacht,
Nicht dacht' ich an gereifte Früchte weiter;
Ob einst vielleicht ein Held in dir erwacht',
30 Ob du am Fuße bliebst der langen Leiter:
Du lieblich Kind warst in dir selbst vollkommen -
Was sollte dir und mir die Sorge frommen?
Zu der du wiederkehrst, grüß' mir die Quelle,
Des Lebens Born, doch besser, grüß' das Meer,
35 Das Eine Meer des Lebens, dessen Welle
Hoch flutet um die dunkle Klippe her,
Darauf er sitzt, der traurige Geselle,
Der Tod, verlassen, einsam, tränenschwer,
Wenn ihm die Seelen, kaum hier eingefangen,
40 Laut jubelnd wieder in die See gegangen.
[Andere Fassung]


An einer Kindesleiche

Er hat geweht, der Wind, den niemand sieht
Und niemand hört; er hat den Baum geschwungen,
Deß Wurzelwerk die Erde überzieht,
In dessen Krone ich dies Lied gesungen.
5 Das jüngste Blatt, das gestern dran geblüht,
Hat über Nacht sich leise losgerungen
Und fiel; und niemand gab wohl weiter acht
Als ich, der da zunächst dabei gewacht.
So bist erlöscht du, lieblich junges Licht,
10 Das mir erquickend in das Herz gezündet?
Noch sprach drei Worte deine Zunge nicht,
Doch hat dein Lallen mir so viel verkündet!
Das Sehnen, das die feinsten Bande flicht,
Es hat mich innig auch mit dir verbündet.
15 Ja, vor viel Großem unter dieser Sonnen
Hab ich dich, Kleiner, wert und lieb gewonnen!
Ob ich gen Himmel sah ins blaue Meer,
Ob in dein Aug, es war das gleiche Schauen:
Es leuchtete aus diesen Sternen her
20 Ursprünglich reines Licht von schönern Auen.
Wie oft senkt ich den Blick, von Mühsal schwer,
Erfrischend tief in dies verklärte Blauen!
Wie war das Lachen deines Munds so fein!
Wie heimlich unsre Freundschaft , still und rein!
25 Nie hab an deine Zukunft ich gedacht,
Die Gegenwart war ja so schön und heiter!
Du hast wie eine Blume mir gelacht
Und an die Sommerfrucht dacht ich nicht weiter;
Ob einst vielleicht ein Held in dir erwacht,
30 Wie hoch du steigest auf der großen Leiter:
Du lieblich Kind warst in dir selbst vollkommen –
Was sollte dir und mir die Sorge frommen?
Zu der du wiederkehrst, grüß mir die Quelle,
Des Lebens Born, doch besser: grüß das Meer,
35 Das eine Meer des Lebens, dessen Welle
Hoch flutet um die dunkle Klippe her,
Darauf er sitzt, der traurige Geselle,
Der Tod – verlassen, einsam, tränenschwer,
Wenn ihm die frohen Seelen, kaum gefangen,
40 Mit lautem Jubel wieder auf die See gegangen!

Entstehungsjahr: 1845
Erscheinungsjahr: 1846
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte 1846 / Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 171-172.

Entstehungsjahr: 1845
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / XI. Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 657-658.

Entstehungsjahr: 1845
Erscheinungsjahr: 1846
Fassung: Andere
Aus: Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Jonas Fränkel / Carl Helbling: Gottfried Keller. Sämtliche Werke, Bd. 14. Benteli, Bern: 1936, S. 278-279.