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[Frühe Fassung]


An das Herz

Willst du nicht dich schließen,
Herz, du offnes Haus!
Worin Freund' und Feinde
Gehen ein und aus?
5 Schau', wie sie verletzen
Dir das Hausrecht stets!
Fühllos auf und nieder,
Polternd, lärmend geht's.
Keiner putzt die Schuhe,
10 Keiner sieht sich um!
Staubig brechen Alle
Dir in's Heiligtum;
Trinken aus den goldnen
Kelchen des Altars,
15 Stehlen Müh' und Segen
Dir des ganzen Jahrs;
Werfen die Penaten
Wild vom Herde dir,
Pflanzen drauf mit Toben
20 Ihr zerfetzt Panier:
Und wenn zu verwüsten
Sie nichts finden mehr,
Lassen sie im Scheiden
Dich, mein Herz, so leer!
25 Nein! und wenn nun Alles
Still und tot in dir:
O, noch halt' dich offen,
Offen für und für!
Laß die Sonne scheinen
30 Heiß in dich herein,
Stürme dich durchfahren
Und den Wetterschein!
Wenn durch deine Hallen
So die Windsbraut zieht,
35 Laß' aus deinen Glocken,
Schallen Lied um Lied!
Denn, noch kann's geschehen,
Daß auf irrer Flucht
Eine treue Seele
40 Bei dir Obdach sucht!
[Späte Fassung]


An das Herz

Willst du nicht dich schließen,
Herz, du offnes Haus!
Worin Freund' und Feinde
Gehen ein und aus?
5 Schau, wie sie verletzen
Dir das Hausrecht stets!
Fühllos auf und nieder,
Polternd, lärmend geht's.
Keiner putzt die Schuhe,
10 Keiner sieht sich um,
Staubig brechen alle
Dir in's Heiligtum;
Trinken aus den goldnen
Kelchen des Altars,
15 Schänden Müh' und Segen
Dir des ganzen Jahr's;
Werfen die Penaten
Wild vom Herde dir,
Pflanzen drauf mit Prahlen
20 Ihr entfärbt' Panier.
Und wenn zu verwüsten
Nichts sie finden mehr,
Lassen sie im Scheiden,
Dich, mein Herz, so leer!
25 Nein! und wenn nun alles
Still und tot in dir,
O, noch halt' dich offen,
Offen für und für!
Laß die Sonne scheinen
30 Heiß in dich herein,
Stürme dich durchfahren
Und den Wetterschein!
Wenn durch deine Kammern
So die Windsbraut zieht,
35 Laß dein Glöcklein stürmen,
Schallen Lied um Lied!
Denn noch kann's geschehen,
Daß auf irrer Flucht
Eine treue Seele
40 Bei dir Obdach sucht!
[Andere Fassung]


An das Herz

Willst du nicht dich schließen,
Herz! Du offnes Haus,
Worin Freund und Feinde
Stürmen ein und aus?
5 Schau, wie sie verletzen
Dir das Hausrecht stets!
Fühllos auf und nieder,
Polternd, lärmend gehts!
Keiner putzt die Schuhe,
10 Keiner sieht sich um!
Staubig brechen Alle
Dir ins Heiligtum;
Trinken aus den goldnen
Kelchen des Altars,
15 Stehlen Müh und Segen
Dir des ganzen Jahrs;
Werfen die Penaten
Wild vom Herde dir,
Pflanzen drauf mit Toben
20 Ihr zerfetzt Panier;
Und wenn zu verwüsten
Sie nichts finden mehr,
Lassen sie im Scheiden
Dich, mein Herz, so leer!
25 Nein! Und wenn nun Alles
Still und tot in dir:
O, noch halt dich offen,
Offen für und für!
Laß die Sonne scheinen
30 Heiß in dich herein,
Stürme dich durchfahren
Und den Wetterschein!
Wenn durch deine Hallen
So die Windsbraut zieht,
35 Laß aus deinen Glocken
Schallen Lied um Lied!
Denn noch kanns geschehen,
Daß auf irrer Flucht
Eine treue Seele
40 Bei dir Obdach sucht.
Dann ists Zeit zu schließen
Endlich Tür und Tor,
Dann blüh dir im Innern
Neu der Lenz hervor!

Entstehungsjahr: 1846
Erscheinungsjahr: 1846
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte 1846 / Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 151-152.

Entstehungsjahr: 1846
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / XI. Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 643-644.
Bemerkungen
Die Referenzausgabe gibt im vorletzten Vers nur "Ein treue Seele" wieder. Das wurde als Druckfehler angesehen und korrigiert.

Entstehungsjahr: 1846
Erscheinungsjahr: 1846
Fassung: Andere
Aus: Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Jonas Fränkel / Carl Helbling: Gottfried Keller. Sämtliche Werke, Bd. 14. Benteli, Bern: 1936, S. 247-248.