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[Andere Fassung]


Das Landleben
Flumina amem silvasque inglorius

Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh!
Jedes Säuseln des Baums, jedes Geräusch des Bachs,
  Jeder blinkende Kiesel,
    Predigt Tugend und Weisheit ihm!
5 Reiner wehet die Luft, silberner wallt der Mond,
Bunter lächelt die Au, schattender grünt der Hayn,
  Süßer duften die Blüthen,
    Heller tanzet der Wiesenquell!
Seine Nachtigall tönt Schlummer herab auf ihn,
10 Seine Nachtigall weckt flötend ihn wieder auf,
  Wenn das liebliche Frühroth
    Durch die Bäum' auf sein Bette scheint.
Aufgelächelt vom May herzt er die Gattin wach
Küßt die bebende Brust, welcher der Morgentraum
15   Hebt, die Sonne beschimmert;
    Küßt den Schlummer vom Aug ihr weg.
Jeder blühende Baum, jeglicher Frühlingsbusch
Nicket Blüthen herab, wenn er, an ihrer Hand,
  Seinen Garten durchwandelt,
20     Jeder hüpfende Vogel singt.
Wehmuth führet ihn oft, wann sich der Abend neigt,
Zu den Gräbern des Dorfs, zu den beflitterten
  Todtenkränzen der Hügel,
    Die das wehende Gras umsaust;
25 Zu dem Fliedergesträuch, oder zum Leichenstein,
Wo ein biblischer Spruch freudig zu sterben lehrt,
  Wo der Tod mit der Hippe,
    Und ein Engel mit Kränzen steht.
Wie ein fröhlicher Tag fleußt ihm das Leben hin!
30 Seine Nachtigall weint, wann er gestorben ist,
  Ihm ein schmelzendes Grablied,
    Sammelt Blätter ihm auf das Grab.
Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh!
Engel segneten ihn, als er gebohren ward,
35   Streuten Blumen des Himmels
    Auf die Wiege des Knaben aus.
[Andere Fassung]


Das Landleben

Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh!
Jedes Säuseln des Baums, jedes Geräusch des Bachs,
  Jeder blinkende Kiesel,
    Predigt Tugend und Weisheit ihm!
5 Jedes Schattengesträuch ist ihm ein heiliger
Tempel, wo ihm sein Gott näher vorüberwallt;
  Jeder Rasen ein Altar,
    Wo er vor dem Erhabnen kniet.
Seine Nachtigall tönt Schlummer herab auf ihn,
10 Seine Nachtigall weckt flötend ihn wieder auf,
  Wenn das liebliche Frühroth
    Durch die Bäum' auf sein Bette scheint.
Dann bewundert er dich, Gott, in der Morgenflur,
In der steigenden Pracht deiner Verkünderin,
15   Der allherrlichen Sonne,
    Dich im Wurm, und im Knospenzweig.
Ruht im wehenden Gras, wann sich die Kühl' ergießt,
Oder strömet den Quell über die Blumen aus;
  Trinkt den Athem der Blüthe,
20     Trinkt die Milde der Abendluft.
Sein bestrohetes Dach, wo sich das Taubenvolk
Sonnt, und spielet und hüpft, winket ihm süßre Rast,
  Als dem Städter der Goldsaal,
    Als der Polster der Städterin.
25 Und der spielende Trupp schwirret zu ihm herab,
Gurrt und säuselt ihn an, flattert ihm auf den Korb;
  Picket Krumen und Erbsen,
    Picket Körner ihm aus der Hand.
Einsam wandelt er oft, Sterbegedanken voll,
30 Durch die Gräber des Dorfs, sezet sich auf ein Grab,
  Und beschauet die Kreuze,
    Und den wehenden Todtenkranz.
Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh!
Engel segneten ihn, als er geboren ward,
35   Streuten Blumen des Himmels
    Auf die Wiege des Knaben aus.

Entstehungsjahr: vor 1777
Erscheinungsjahr: 1777
Fassung: Andere
Aus: Gedichte
Referenzausgabe:
Walter Hettche: Ludwig Christoph Heinrich Hölty. Gesammelte Werke und Briefe. Wallstein Verlag: 1998, S. 219-220.

Entstehungsjahr: vor 1777
Erscheinungsjahr: 1777
Fassung: Andere
Aus: Gedichte
Referenzausgabe:
Walter Hettche: Ludwig Christoph Heinrich Hölty. Gesammelte Werke und Briefe. Wallstein Verlag: 1998, S. 220-221.