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[Frühe Fassung]


An die Königin von Preußen
zur Feier ihres Geburtstages den 10. März 1810. In der Voraussetzung, daß an diesem Tage Gottesdienst sein würde

Die Glocke ruft, hoch, von geweihter Stelle,
Zum Dom das Volk, das durch die Straßen irrt.
Das Tor steht offen schon, und Kerzenhelle
Wogt von dem Leuchter, der den Altar ziert.
5 Bestreut, nach Festesart, ist Trepp und Schwelle,
Die in das Innere der Kirche führt,
Und, unter Tor’ und Pfeilern, im Gedränge,
Harrt, lautlos, die erwartungsvolle Menge.
Und die das Unglück, mit der Grazie Tritten,
10 Auf jungen Schultern, herrlich jüngsthin trug,
Als einzge Siegerin vom Platz geschritten,
Da jüngst des Himmels Zorn uns niederschlug,
Sie, die, aus giftiger Gewürme Mitten,
Zum Äther aufstieg, mit des Adlers Flug:
15 Sie tritt herein, in Demut und in Milde,
Und sinkt auf Knieen hin, am Altarbilde.
O einen Cherub, aus den Sternen, nieder,
Die Palmenkron in der erhobnen Hand,
Der sie umschweb, auf glänzendem Gefieder,
20 Gelagert still, auf goldner Wolken Rand,
Der, unterm Flötenton seraphscher Lieder,
Den Kranz erhöh, von Gott ihr zuerkannt,
Und, vor des Volkes frommerstauntem Blicke,
Auf ihre heilge Schwesterstirne drücke.
[Mittlere Fassung]


[Du, die das Unglück mit der Grazie Schritten]

Du, die das Unglück mit der Grazie Schritten,
Auf jungen Schultern, herrlich jüngsthin trug:
Wie wunderbar ist meine Brust verwirrt,
In diesem Augenblick, da ich auf Knieen,
5 Um dich zu segnen, vor dir niedersinke.
Ich soll dir ungetrübte Tag’ erflehn:
Dir, die der hohen Himmelssonne gleich,
In voller Pracht nur strahlt und Herrlichkeit,
Wenn sie durch finstre Wetterwolken bricht.
10 O du, die aus dem Kampf empörter Zeit,
Die einzge Siegerin, hervorgegangen:
Was für ein Wort, dein würdig, sag ich dir?
So zieht ein Cherub, mit gespreizten Flügeln,
Zur Nachtzeit durch die Luft, und, auf den Rücken
15 Geworfen, staunen ihn, von Glanz geblendet,
Der Welt betroffene Geschlechter an.
Wir alle mögen, Hoh’ und Niedere,
Von den Ruinen unsers Glücks umgeben,
Gebeugt von Schmerz, die Himmlischen verklagen,
20 Doch du, Erhabene, du darfst es nicht!
Denn eine Glorie, in jenen Nächten,
Umglänzte deine Stirn, von der die Welt
Am lichten Tag der Freude nichts geahnt:
Wir sahn dich Anmut endlos niederregnen,
25 Daß du so groß als schön warst, war uns fremd!
Viel Blumen blühen in dem Schoß der Deinen
Noch deinem Gurt zum Strauß, und du bists wert,
Doch eine schönre Palm erringst du nicht!
Und würde dir, durch einen Schluß der Zeiten,
30 Die Krone auch der Welt: die goldenste,
Die dich zur Königin der Erde macht,
Hat still die Tugend schon dir aufgedrückt.
Sei Teure, lange noch des Landes Stolz,
Durch frohe Jahre, wie, durch frohe Jahre,
35 Du seine Lust und sein Entzücken warst!
[Späte Fassung]


Sonett

Erwäg ich, wie in jenen Schreckenstagen,
Still deine Brust verschlossen, was sie litt,
Wie du das Unglück, mit der Grazie Tritt,
Auf jungen Schultern herrlich hast getragen,
5 Wie von des Kriegs zerrißnem Schlachtenwagen
Selbst oft die schar der Männer zu dir schritt,
Wie, trotz der wunde, die dein Herz durchschnitt,
Du stets der Hoffnung Fahn’ und vorgetragen:
O Herrscherin, die Zeit dann möcht ich segnen!
10 Wir sahn dich Anmut endlos niederregnen,
Wie groß du warst, das ahndeten wir nicht!
Dein Haupt schein wie von Strahlen mir umschimmert;
Du bisst der Stern, der voller Pracht erst flimmert,
Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht!

Entstehungsjahr: 1810
Erscheinungsjahr: 1812
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte
Referenzausgabe:
Helmut Sembdner: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 1. Carl Hanser Verlag, München: 1985ff., S. 33-34.

Entstehungsjahr: 1810
Erscheinungsjahr: 1812
Fassung: Mittlere
Aus: Gedichte
Referenzausgabe:
Helmut Sembdner: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 1. Carl Hanser Verlag, München: 1985ff., S. 34-35.

Entstehungsjahr: 1810
Erscheinungsjahr: 1812
Fassung: Späte
Aus: / Gedichte
Referenzausgabe:
Helmut Sembdner: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 1. Carl Hanser Verlag, München: 1985ff., S. 35.