Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
Nur ein Gedicht pro Seite anzeigen.

[Frühe Fassung]


Napoleon im Kreml

Der Kaiser nickte schlummerschwer mit marmorbleichem Haupte
Im Burgpalast der Czarenstadt, die er bezwungen glaubte.
Da sah im Traum er einen Geist, geschäftig, einen bösen,
Von seiner mächtgen Schulter ihm den Purpur abzulösen.
5 Und ob er wehrte mit der Hand, ob seine Blicke drohten,
Der Dämon schrie mit wilder Gier: Mich lüstet nach dem rothen!
Wo kann zu meinen Flügeln ich ein schöner Kleid erwerben?
Es ist getaucht in Menschenblut – es wird sich nie verfärben!
Die Beiden rangen Leib an Leib, doch, seinen Raub ergreifend,
10 Entfleucht der Dämon, durch die Nacht den Kaisermantel schleifend.
Und wo der Saum des Purpurs flog, beginnt die Nacht zu bluten –
Der Kaiser fährt erzürnt empor – und sieht in Moskaus Gluten. –
[Späte Fassung]


Napoleon im Kreml

Er nickt mit seinem großen Haupt
Am Feuer eines fremden Herds:
Im Traum erblickt er einen Geist,
Der seines Purpurs Spange löst.
5 Der Dämon schreit mit wilder Gier:
»Mich lüstet nach dem roten Kleid!
In ungezählter Menschen Blut
Getaucht, verfärbt der Purpur nicht!«
Die beiden rangen Leib an Leib.
10 »Gib her!« – »Gib her!« Der Dämon fleucht
Mit spitzen Flügeln durch die Nacht
Und schleift den Purpur hinter sich.
Und wo der Purpur flatternd fliegt,
Sprühn Funken, lodern Flammen auf!
15 Der Korse fährt aus seinem Traum
Und starrt in Moskaus weiten Brand.

Entstehungsjahr: 1862-1863
Erscheinungsjahr: 1875
Fassung: Frühe
Aus: Apparat zur Abteilung IV. der Gedichte
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 3. Benteli-Verlag: 1967, S. 339-340.

Entstehungsjahr: 1862-1863
Erscheinungsjahr: 1882
Fassung: Späte
Aus: Gedichte von 1892 / IV. Reise
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 1. Benteli-Verlag: 1963, S. 181.