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[Frühe Fassung]


Miltons Wache

In dürftger Kammer herrscht und waltet
Er über seine Genienschaar,
Das Auge todt, die Stirn gefaltet
Erbleicht das ehrengraue Haar.
5 Aus größern Tagen überblieben,
Der Freiheit treu in Kümmerniß,
Singt Milton sein verloren Lieben
In dem verlor’nen Paradies.
Sein Mägdlein rüstet sich zu schreiben
10 Mit Zügen kindlich zart u: rein
Die Wucht der Worte, welche bleiben
Als wären sie gehau’n in Stein.
Und wie der Sänger ohne Grauen
Das Reich der ewgen Qual betritt,
15 Da geht das Mägdlein voll Vertrauen
Getrost durch Höll’ und Himmel mit.
Und er beginnt: »Wenn Nacht gesunken,« –
Das Fenster bebt mit schrillem Klang,
Und Lästerworte gellen trunken
20 Die Gasse vor dem Haus entlang.
Des Königs Günstlinge, die frechen,
Sie sind’s in Siegesübermuth,
Die taumelnd aus den Schenken brechen
Und Fackeln lodern rot wie Blut.
25 »Republikaner, hei, ergreister,
Bei deiner späten Lampe dort
Was wachst du noch? Citirst du Geister?
Sinnst wieder du auf Königsmord?
Wir stürmen ihm das Haus, Gesellen,
30 Und will er unser ledig sein,
Muß er uns auf die Gasse stellen
Sein frisch erblühtes Töchterlein!
Die Scheibe klirrt, aufspringt erschrocken
Das Mägdlein, meint sich schon geraubt,
35 Da fliegt ein Stein den blonden Locken
Vorüber und dem greisen Haupt.
Den blinden Vater will sie decken
Den Bebenden mit Arm u: Leib,
Da spricht der Dichter ohne Schrecken:
40 Nimm deinen Stift, mein Kind, u: schreib.
Er singt: »Wenn dunkel ist die Nacht gesunken
Auf eines jungen Königs Stadt,
Dann schwärmt das Laster nakt u: trunken
Und wird des Frevels nimmer satt.
45 Dann dringen zu den ernsten Thürmen
Empor die Rufe frechen Schalls
Und durch die finstern Gassen stürmen
Die grausen Söhne Belials
So reiht das frevle Thun der Nächte
50 Er in sein ewiges Gedicht,
Wie Gott des Bösen dunkle Mächte
In seinen dunklen Plan verflicht.
Die Banden sind vorbeigezogen,
Auf andre Missethat bedacht,
55 Hoch schwellen des Gesanges Wogen,
Die feierlichen durch die Nacht.
[Späte Fassung]


Miltons Rache

Am Grab der Republik ist er gestanden,
Doch sah er nicht des Stuart Schiffe landen,
Ihn hüllt' in Dunkel eine güt'ge Macht:
Er ist erblindet! Herrlich füllt mit lichten
5 Gebilden und dämonischen Gesichten
    Die Muse seines Auges Nacht ...
Ein eifrig Mädchenantlitz neigt sich neben
Der müden Ampel, feine Finger schweben,
Auf leichte Blätter schreibt des Dichters Kind
10 Mit eines Stiftes ungehörtem Gleiten
Die Wucht der Worte, die für alle Zeiten
    In Marmelstein gehauen sind ...
Er spricht: »Zur Stunde, da« – Hohnrufe gellen,
Das Haupt, das blinde, bleiche, zuckt in grellen
15 Lodernden Fackelgluten, zürnt und lauscht ...
Durch Londons Gassen wandern um die Horden
Der Kavaliere, Schlaf und Scham zu morden
    Von Wein und Übermut berauscht:
»Schaut auf! Das ist des Puritaners Erker!
20 Der Schreiber hält ein blühend Kind im Kerker!
Der Schuhu hütet einen duftgen Kranz!
Wir schreiten schlank und jung, wir sind die Sünden
Und kommen ihr das Herzchen zu entzünden
    Mit Saitenspiel und Reigentanz!
25 Vertreibt den Kauz vom Nest! Umarmt die Dirne!« ....
Geklirr! Ein Stein! ... Still blutet eine Stirne,
Der Vater schirmt das Mädchen mit dem Leib,
Die Bleiche drückt er auf den Schemel nieder,
Ein Richter, kehrt zu seinem Lied er wieder:
30     »Nimm deinen Stift, mein Kind, und schreib!
Zur Stunde, da des Lasterkönigs Knechte
Umwandern, die Entheiliger der Nächte ...
Zur Stunde, da die Hölle frechen Schalls
Aufschreit, empor zu den erhabnen Türmen ...
35 Zur Stunde, da die Riesenstadt durchstürmen
    Die blut'gen Söhne Belials .....«
So sang mit wunder Stirn der geisterblasse
Poet. Verschollen ist der Lärm der Gasse,
Doch ob Jahrhundert um Jahrhundert flieht,
40 Von einem bangen Mädchen aufgeschrieben,
Sind Miltons Rächerverse stehn geblieben,
    Verwoben in sein ewig Lied.

Entstehungsjahr: um 1865
Erscheinungsjahr: 1867
Fassung: Frühe
Aus: Apparat zur Abteilung IX. der Gedichte
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 5,1. Benteli-Verlag: 1996, S. 365-368.

Entstehungsjahr: um 1865
Erscheinungsjahr: 1867
Fassung: Späte
Aus: Gedichte von 1892 / IX. Männer
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 1. Benteli-Verlag: 1963, S. 388-389.