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[Frühe Fassung]


[Willkommen, klare Sommernacht]

Willkommen, klare Sommernacht,
die auf tautrunknen Fluren liegt!
Gegrüßt mir, hehre Sternenpracht,
die spielend sich im Weltraum wiegt!
5 Das Urgebirge um mich her
Ist schweigend, wie mein Nachtgebet:
Weit hinter ihm hör' ich das Meer,
Im Geist, und wie die Brandung geht.
Ich höre einen Flötenton,
10 Den mir der Wind von Westen bringt,
Indes herauf im Osten schon
Die Ahnung, wie vom Tage, dringt.
Ich sinne, wo in weiter Welt
Jetzt sterben mag ein Menschenkind –
15 Und ob vielleicht den Einzug hält
Das längst ersehnte Heldenkind.
Doch wie auf blüh'ndem Erdental
Ein unermeßlich Schweigen ruht:
Ich fühle mich so leicht zumal
20 Und, wie die Welt, so still und gut.
Der letzte, leise Schmerz und Spott
Verschwindet aus des Herzens Grund:
Es ist, als tät' der alte Gott
Mir endlich seinen Namen kund.
[Späte Fassung]


Stille der Nacht

Willkommen, klare Sommernacht,
Die auf betauten Fluren liegt!
Gegrüßt mir, goldne Sternenpracht,
Die spielend sich im Weltraum wiegt!
5 Das Urgebirge um mich her
Ist schweigend, wie mein Nachtgebet;
Weit hinter ihm hör' ich das Meer
Im Geist und wie die Brandung geht.
Ich höre einen Flötenton,
10 Den mir die Luft von Westen bringt,
Indes herauf im Osten schon
Des Tages leise Ahnung dringt.
Ich sinne, wo in weiter Welt
Jetzt sterben mag ein Menschenkind –
15 Und ob vielleicht den Einzug hält
Das viel ersehnte Heldenkind.
Doch wie im dunklen Erdental
Ein unergründlich Schweigen ruht,
Ich fühle mich so leicht zumal
20 Und wie die Welt so still und gut.
Der letzte leise Schmerz und Spott
Verschwindet aus des Herzens Grund;
Es ist, als tät' der alte Gott
Mir endlich seinen Namen kund.
[Andere Fassung]


[Willkommen, klare Sommernacht]

Willkommen, klare Sommernacht,
Die auf tautrunknen Flügeln liegt!
Gegrüßt mir, hehre Sternenpracht,
Die spielend sich im Weltraum wiegt!
5 Das Urgebirge um mich her
Ist schweigend, wie ein Nachtgebet!
Weit hinter ihm hör ich das Meer
Im Geist, und wie die Brandung geht!
Ich höre einen Flötenton,
10 Den mir der Wind von Westen bringt,
Indeß herauf im Osten schon
Die Ahnung leis vom Tage dringt.
Ich sinne, wo in weiter Welt
Jetzt sterben mag ein Menschenkind?
15 Und ob vielleicht den Einzug hält
Ganz still ein lächelnd Heldenkind?
Doch wie nun auf dem Erdental
Ein absolutes Schweigen ruht;
Ich fühle mich so leicht zumal
20 Und wie die Welt so still und gut.
Der letzte leise Schmerz und Spott
Verschwindet aus des Herzens Grund;
Mir ist, als tät der alte Gott
Mir endlich seinen Namen kund!

Entstehungsjahr: 1844
Erscheinungsjahr: 1846
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte 1846 / Natur / Nacht V.
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 24-25.

Entstehungsjahr: vor 1889
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / I. Buch der Natur
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 386-387.

Entstehungsjahr: 1844
Erscheinungsjahr: 1936
Fassung: Andere
Aus: Gedichte 1846 / Natur / Nacht V.
Referenzausgabe:
Jonas Fränkel / Carl Helbling: Gottfried Keller. Sämtliche Werke, Bd. 14. Benteli, Bern: 1926ff., S. 28-29.