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[Frühe Fassung]


[Es wandert eine schöne Sage]

Es wandert eine schöne Sage,
Wie Veilchenduft, auf Erden um,
Wie sehnsuchtsvolle Liebesklage
In lauer Frühlingsnacht herum.
5 Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von dem letzten Menschenglück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden
In ew'ger Klahrheit kehrt zurück;
Wo einig alle Völker beten
10 Zum Einen König, Gott und Hirt:
Von jenem Tag, wo den Propheten
Ihr ehern Recht gesprochen wird.
Dann wird's nur Eine Schmach noch geben,
Nur Eine Sünde auf der Welt:
15 Das ist: das neid'ge Widerstreben,
Das es für Traum und Wahnsinn hält.
Wer jene Hoffnung gab verloren,
Und böslich sie verloren gab:
Er wäre besser ungeboren
20 Und ihm gebührt kein Menschengrab.
[Späte Fassung]


Frühlingsglaube

Es wandert eine schöne Sage
Wie Veilchenduft auf Erden um,
Wie sehnend eine Liebesklage
Geht sie bei Tag und Nacht herum.
5 Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von der Menschheit letztem Glück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden,
Der Traum als Wahrheit, kehrt zurück.
Wo einig alle Völker beten
10 Zum Einen König, Gott und Hirt:
Von jenem Tag, wo den Propheten
Ihr leuchtend Recht gesprochen wird.
Dann wird's nur Eine Schmach noch geben,
Nur eine Sünde in der Welt:
15 Des Eigen-Neides Widerstreben,
Der es für Traum und Wahnsinn hält.
Wer jene Hoffnung gab verloren
Und böslich sie verloren gab,
Der wäre besser ungeboren:
20 Denn lebend wohnt er schon im Grab.
[Andere Fassung]


[Es gehet eine schöne Sage]

Es gehet eine schöne Sage
Wie Märchenduft auf Erden um,
Wie eine süße Sehnsuchtsklage
In lauer Frühlingsnacht herum.
5 Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von dem letzten Menschenglück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden
Mit Glanz und Reinheit kehrt zurück;
Wo einig alle Völker beten
10 Zum einen König, Gott und Hirt, –
Von jenem Tag, wo den Propheten
Ihr ehern Recht gesprochen wird!
Nur eine Schmach wirds fürder geben,
Nur eine Sünde auf der Welt:
15 Das ist das eitle Widerstreben,
Das es für Traum und Wahnsinn hält.
Wer diese Hoffnung hat verloren
Und böslich sie verloren gab,
Der wäre besser ungeboren
20 Und ihm gebührt kein Menschengrab!

Entstehungsjahr: vor 1846
Erscheinungsjahr: 1846
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte 1846 / Natur / Frühling 2
Referenzausgabe:
Kai Kaufmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 27-28.

Entstehungsjahr: vor 1889
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / I. Buch der Natur
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 409-410.

Entstehungsjahr: 1844
Erscheinungsjahr: 1936
Fassung: Andere
Aus: Gedichte 1846 / Natur / Frühling 2
Referenzausgabe:
Jonas Fränkel / Carl Helbling: Gottfried Keller. Sämtliche Werke, Bd. 14. Benteli, Bern: 1936, S. 34.