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[Frühe Fassung]


Der Werwolf und sein Fall

Dem Werwolf, an den niemand glaubt,
trat einst sein Werfall vor sein Haupt.
Du stehst, so sprach der, überall
und immerdar in meinem Fall.
5 In allen andern Casibus
die Welt dich stehen lassen muß.
Der Werwolf dachte still dabei,
daß dies ja nur notwendig sei.
Ein Werwolf muß er, unbesehn,
10 auch immerdar im Werfall stehn.
Wir aber mögen unterdessen,
was hieran tragisch ist, ermessen.
[Andere Fassung]


Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: »Bitte, beuge mich!«
5 Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:
»Der Werwolf«, sprach der gute Mann,
10 »des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie mans nennt,
den Wenwolf, – »damit hats ein End«.
Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
15 »Indessen«, bat er, »füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!«
Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäbs in großer Schar,
20 doch »Wer« gäbs nur im Singular.
Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.
[Andere Fassung]


Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: »Bitte, beuge mich!«
5 Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:
»Der Werwolf« – sprach der gute Mann,
10 »des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,
den Wenwolf, – damit hat’s ein End’.«
Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
15 »Indessen«, bat er, »füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!«
Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
20 doch »Wer« gäb’s nur im Singular.
Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Entstehungsjahr: 1905
Erscheinungsjahr: 1985
Fassung: Frühe
Aus: Galgenlieder nebst dem Gingganz / Kommentar
Referenzausgabe:
Reinhardt Habel (Hg.) / Martin Kiesig (Bd. 1+2) / Maurice Cureau (Bd. 3): Christian Morgenstern. Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe, Bd. 3. Verlag Urachhaus, Stuttgart: 1987ff., S. 657-658.
Bemerkungen
Dieses Gedicht ist die Vorläuferfassung des Gedichtes »Der Werwolf«. Erstdruck des Gedichtes in dieser Ausgabe.

Entstehungsjahr: 1907-1908
Erscheinungsjahr: 1908
Fassung: Andere
Aus: Gedichte / Galgenlieder
Referenzausgabe:
Gundula Mueller: Alle Galgenlieder. Insel Verlag, Frankfurt. a. Main: 1964, S. 90.
Bemerkungen
Erstdruck in der 3. Auflage der »Galgenlieder«, 1908

Entstehungsjahr: 1906-1907
Erscheinungsjahr: 1908
Fassung: Andere
Aus: Galgenlieder nebst dem Gingganz
Referenzausgabe:
Reinhardt Habel (Hg.) / Martin Kiesig (Bd. 1+2) / Maurice Cureau (Bd. 3): Christian Morgenstern. Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe, Bd. 3. Verlag Urachhaus, Stuttgart: 1987ff., S. 87-88.
Bemerkungen
Erstdruck in der 3. Auflage der »Galgenlieder«, 1908