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[Frühe Fassung]


Der Sänger

Was hör' ich draußen vor dem Tor,
Was auf der Brücke schallen?
Laß den Gesang vor unserm Ohr
Im Saale wiederhallen!
5 Der König sprachs, der Page lief;
Der Page kam, der König rief:
Laßt mir herein den Alten!
Gegrüßet seid mir, edle Herrn,
Gegrüßt ihr, schöne Damen!
10 Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergetzen.
15 Der Sänger drückt' die Augen ein,
Und schlug in vollen Tönen;
Die Ritter schauten mutig drein,
Und in den Schoß die Schönen.
Der König, dem es wohlgefiel,
20 Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel,
Eine goldne Kette holen.
Die goldne Kette gib mir nicht!
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
25 Der Feinde Lanzen splittern;
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und laß ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt,
30 Der in den Zweigen wohnet;
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet.
Doch darf ich bitten, bitt' ich eins:
Laß mir den besten Becher Weins
35 In purem Golde reichen.
Er setzt' ihn an, er trank ihn aus:
O, Trank voll süßer Labe!
O, wohl dem hochbeglückten Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
40 Ergeht's euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke.
[Frühe Fassung]


[Was hör’ ich draußen vor dem Tor?]

Was hör’ ich draußen vor dem Tor?
Was auf der Brücke schallen?
Laßt den Gesang zu unserm Ohr
Im Saale widerhallen!
5 Der König sprach’s der Page lief,
Der Knabe kam, der König rief:
Bring ihn herein den Alten.
Gegrüßet seid ihr hohe Herrn
Gegrüßt ihr schöne Damen!
10 Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt Augen euch, hier ist nicht Zeit
Sich staunend zu ergötzen.
15 Der Sänger drückt die Augen ein,
Und schlug die vollen Töne,
Der Ritter schaute mutig drein,
Und in den Schoß die Schöne.
Der König, dem das Lied gefiel,
20 Ließ ihm, zum Lohne für sein Spiel,
Eine goldne Kette holen.
Die goldne Kette gib mir nicht,
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
25 Der Feinde Lanzen splittern.
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und laß ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt,
30 Der in den Zweigen wohnet.
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet;
Doch darf ich bitten, bitt’ ich eins,
Laßt einen Trunk des besten Weins
35 In reinem Glase bringen.
Er setzt es an, er trank es aus.
O Trank der süßen Labe!
O! dreimal hochbeglücktes Haus
Wo das ist kleine Gabe!
40 Ergeht’s euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott, so warm als ich
Für diesen Trunk euch danke.
[Späte Fassung]


Der Sänger

Was hör’ ich draußen vor dem Tor,
Was auf der Brücke schallen?
Laß den Gesang vor unserm Ohr
Im Saale wiederhallen!
5 Der König sprachs, der Page lief;
Das Page kam, der König rief:
Laßt mir herein den Alten!
Gegrüßet seid mir, edle Herrn,
Gegrüßt ihr schönen Damen!
10 Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt Augen euch; hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergötzen.
15 Der Sänger drückt’ die Augen ein,
Und schlug in vollen Tönen;
Die Ritter schauten mutig drein,
Und in den Schoß die Schönen.
Der König, dem es wohlgefiel,
20 Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel,
Eine goldne Kette holen.
Die goldne Kette gib mir nicht;
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
25 Der Feinde Lanzen splittern.
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und laß ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt,
30 Der in den Zweigen wohnet;
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet.
Doch darf ich bitten, bitt’ ich eins:
Laß mir den besten Becher Weins,
35 In purem Golde reichen.
Er setzt’ ihn an, er trank ihn aus:
O, Trank voll süßer Labe!
O, wohl dem hochbeglückten Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
40 Ergeht’s euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke.
[Späte Fassung]


[Was hör' ich draußen vor dem Tor?]

Was hör’ ich draußen vor dem Tor?
Was schallet auf der Brücken?
Es dringet bis zu meinem Ohr
Die Stimme voll Entzücken.
5 Der König sprach’s der Page lief;
Der Knabe kam, der König rief:
Laßt ihn herein den Alten!
Gegrüßet seid ihr hohe Herrn
Gegrüßt ihr schöne Damen!
10 Welch reicher Himmel Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt Augen euch, hier ist nicht Zeit
Sich staunend zu ergötzen.
15 Der Sänger drückt die Augen ein
Und schlug in vollen Tönen,
Die Ritter schauten mutig drein
Und in den Schoß die Schönen.
Der Fürst dem es so wohl gefiel
20 Ließ, ihn zu lohnen für das Spiel,
Eine goldne Kette holen.
Die goldne Kette gib mir nicht
Die Kette gib den Rittern
Vor deren kühnen Angesicht
25 Der Feinde Lanzen splittern,
Gib sie dem Kanzler den du hast
Und laß ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
Ich singe wie der Vogel singt
30 Der in den Zweigen wohnet,
Das Lied das aus der Kehle dringt
Ist Lohn der reichlich lohnet;
Doch darf ich bitten, bitt’ ich eins
Laß mir den besten Becher Weins
35 In purem Golde reichen!
Er setzt ihn an, er trank ihn aus
O Trank voll süßer Labe!
Er rief: O hochbeglücktes Haus
Wo das ist kleine Gabe!
40 Ergeht’s euch wohl so denkt an mich
Und danket Gott so warm als ich
Für diesen Trunk euch danke.

Entstehungsjahr: vor 1784
Erscheinungsjahr: 1815
Fassung: Frühe
Aus: Die Sammlung von 1815 / Balladen
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 2. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 104-105.
Bemerkungen
Zuerst in »Willhelm Meisters Lehrjahre« (1795), dort ohne Titel.
Wohl schon für die »Theatralische Sendung« geschrieben.

Entstehungsjahr: vor 1784
Erscheinungsjahr: 1911
Fassung: Frühe
Aus: Wilhelm Meisters theatralische Sendung
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 9. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 218-219.

Entstehungsjahr: vor 1784
Erscheinungsjahr: 1795
Fassung: Späte
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 659-660.

Entstehungsjahr: vor 1784
Erscheinungsjahr: 1795
Fassung: Späte
Aus: Wilhelm Meisters Lehrjahre
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 9. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 483-484.