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[Frühe Fassung]


[Es war ein König in Tule]

Es war ein König in Tule
Einen goldnen Bächer er hett
Empfangen von seiner Bule
Auf ihrem Todtesbett.
5 Der Becher war ihm lieber.
Trank draus bey iedem Schmaus.
Die Augen gingen ihm über
So offt er trank daraus.
Und als es kam zu sterben
10 Zählt' er seine Städt im Reich
Gönnt alles seinen Erben
Den Becher nicht zugleich.
Er sas beym Königs Mahle
Die Ritter um ihn her
15 Auf hohem Väter Saale
Dort auf dem Schloss am Meer.
Dort stand der alte Zecher
Trank lezte Lebens glut
Und warf den heilgen Becher
20 Hinunter in die Flut.
Er sah ihn stürzen, trincken,
Und sinken tief ins Meer
Die Augen thähten ihn sinken
Trank nie einen Tropfen mehr.
[Späte Fassung]


[Es war ein König in Thule]

Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
5 Es ging ihm nichts darüber,
Er leert ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
10 Zählt' er seine Städt' im Reich,
Gönnt' alles seinem Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß bei'm Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
15 Auf hohem Väter-Saale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut,
Und warf den heiligen Becher
20 Hinunter in die Flut.
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief in's Meer,
Die Augen täten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.
[Andere Fassung]


Der König in Thule

Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
5 Es ging ihm nichts darüber,
Er leert ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
10 Zählt’ er seine Städt’ im Reich,
Gönnt’ alles seinem Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
15 Auf hohem Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut,
Und warf den heil’gen Becher
20 Hinunter in die Flut.
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.
[Andere Fassung]


[Es war ein König in Thule]

Es war ein König in Thule
Ein’ goldnen Becher er hätt
Empfangen von seiner Bule
Auf ihrem Todes Bett.
5 Den Becher hätt er lieber,
Trank draus bei jedem Schmaus
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben
10 Zählt’ er seine Städt’ und Reich’
Gönnt alles seinen Erben
Den Becher nicht zugleich.
Beym hohen Königsmale
Die Ritter um ihn her
15 Im alten Vätersaale
Auf seinem Schloß am Meer.
Da saß der alte Zecher
Trank letzte Lebens Glut
Und warf den heil’gen Becher
20 Hinunter in die Fluth.
Er sah ihn sinken, trinken
Und stürzen tief ins Meer;
Die Augen thäten Ihm sinken,
Trank nie keinen Tropfen mehr

Entstehungsjahr: 1776-1777
Erscheinungsjahr: ?
Fassung: Frühe
Aus: Faust / Göchhausen-Handschrift
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 7,1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 499-500.
Bemerkungen
Aus »Faust, Frühe Fassung«, (Göchhausen-Handschrift)
Frühe Fassung von »Es war ein König in Thule«

Entstehungsjahr: 1774
Erscheinungsjahr: 1808
Fassung: Späte
Aus: Faust I
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 7/1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 118.
Bemerkungen
Erstdruck 1782, Aus »Faust I«
Späte Fassung von »Es war ein König in Tule«

Entstehungsjahr: 1774
Erscheinungsjahr: ?
Fassung: Andere
Aus: Balladen und Romanzen
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 664-665.

Entstehungsjahr: um 1774
Erscheinungsjahr: 1782
Fassung: Andere
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 1222-1223.