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[Frühe Fassung]


Mit den fahrenden Schiffen ...

Mit den fahrenden Schiffen bin ich geschweift,
Die wir immer durch glänzende Winter gestreift.
Ferne kamen wir weit im insligen Meer.
Trüb war das Jahr. Und der Himmel war leer.
5 Sage die Stadt, wo ich nicht stand im Tor.
Ging dein Fuß hier hindurch, die ich ewig verlor.
Unter dem Abend das flackernde Licht
Hielt ich in vieler fremdes Gesicht.
Bei den Toten ging ich, du warest nicht dort.
10 Schläfst du [ doch nicht ] in dem traurigen Ort.
Und ich zog über Feld. Und die Bäume zu Haupt
Standen herunter, im Dürren entlaubt.
Krähen und Raben habe ich ausgesandt.
Und sie stoben im Himmel über das braune Land.
15 Sie fielen zur Nacht mir zu Fuße mit traurigem Laut.
Und es hing in den eisernen Schnäbeln [ nur ] trockenes Kraut.
Ach deine Stimme so weit. Deine Hand so gebleicht,
Die im Traume mir noch manchmal die Haare streicht.
Alles war schon einmal. Und es kehrt wieder um.
20 (bricht ab.)
[Späte Fassung]


Mit den fahrenden Schiffen ...

Mit den fahrenden Schiffen
Sind wir vorübergeschweift,
Die wir ewig herunter
Durch glänzende Winter gestreift.
5 Ferner kamen wir immer
Und tanzten im insligen Meer,
Weit ging die Flut uns vorbei,
Und der Himmel war schallend und leer.
Sage die Stadt,
10 Wo ich nicht saß im Tor,
Ging dein Fuß da hindurch,
Der die Locke ich schor?
Unter dem sterbenden Abend
Das suchende Licht
15 Hielt ich, wer kam da hinab,
Ach, ewig in fremdes Gesicht.
Bei den Toten ich rief,
Im abgeschiedenen Ort,
Wo die Begrabenen wohnen;
20 Du, ach, warest nicht dort.
Und ich ging über Feld,
Und die wehenden Bäume zu Haupt
Standen im frierenden Himmel
Und waren im Winter entlaubt.
25 Raben und Krähen
Habe ich ausgesandt,
Und sie stoben im Grauen
Über das ziehende Land.
Aber sie fielen wie Steine
30 Zur Nacht mit traurigem Laut
Und hielten im eisernen Schnabel
Die Kränze von Stroh und Kraut.
Manchmal ist deine Stimme,
Die im Winde verstreicht,
35 Deine Hand, die im Traume
Rühret die Schläfe mir leicht;
Alles war schon vorzeiten.
Und kehret wieder sich um.
Gehet in Trauer gehüllet,
40 Streuet Asche herum.

Entstehungsjahr: 1911
Erscheinungsjahr: 1964
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte aus den Jahren 1910 bis 1912
Referenzausgabe:
Karl Ludwig Schneider / Gunter Martens: Georg Heym. Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe, Bd. 1. Verlag Heinrich Ellermann,: 1962ff., S. 456.
Bemerkungen
Die in "[ ]" gesetzten Textteile sind vom Herausgeber als unsicher angegeben, da die Handschrift nicht abschließend interpretiert werden konnte. Die in "()" gesetzte Angabe am Ende des Gedichtes ist eine editorische Notiz der Herausgebervorlage.

Entstehungsjahr: 1911
Erscheinungsjahr: 1912
Fassung: Späte
Aus: Gedichte aus den Jahren 1910 bis 1912
Referenzausgabe:
Karl Ludwig Schneider / Gunter Martens: Georg Heym. Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe, Bd. 1. Verlag Heinrich Ellermann,: 1962ff., S. 457-458.
Bemerkungen
Erstdruck in »Umbra vitae«, Leipzig 1912