Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
Nur ein Gedicht pro Seite anzeigen.

[Frühe Fassung]


Der Tod der Liebenden im Meer

Wir werden schlafen bei den Toten drunten
Im Schattenland. Wir werden einsam wohnen
In ewgem Schlafe in den Tiefen unten
In den verborgnen Städten der Dämonen.
5 Die Einsamkeit wird uns die Lider schließen,
Wir hören nichts in unsrer Hallen Räumen.
Die Fische nur, die durch die Fenster schießen,
Und leisen Wind in den Korallenbäumen.
Des Meeres Seele flüstert an dem Kahn.
10 Des Abends schattige Winde sind die Fergen
Pfadloser Öde, wo der Ozean
Sich weithin türmt zu dunklen Wasserbergen.
In ihren Schluchten schweift ein Kormoran.
Darunter schwankt das Meer hinab zum Grunde.
15 Es dreht sich um. Und aus der glatten Bahn
Ragt Wrack auf Wrack bis tief im Riesenschlunde.
Auf morschen Rahen sitzen die Matrosen.
Gerippe, weiß, die ein der Maelstrom zog.
Zuschauern gleich in der Arena Tosen,
20 So schaun sie in den bodenlosen Trog.
Der Maelstrom wandert nahe an dem Bord
Des Bootes hin. Es schwankt. Es wehrt sich noch.
Da schießt es ab. In weiße Tiefe fort.
Ein Punkt, versinkt es in den Trichters Loch.
25 Wie eine Spinne schließt das Meer den Mund.
Und schillert weiß. Der Horizont nur bebt
Wie eines Adlers Flug, der auf dem Sund
In blauem Abend hoch und einsam schwebt.
[Späte Fassung]


Der Tod der Liebenden

Durch hohe Tore wird das Meer gezogen
Und goldne Wolkensäulen, wo noch säumt
Der späte Tag am hellen Himmelsbogen
Und fern hinab des Meeres Weite träumt.
5 »Vergiß der Traurigkeit, die sich verlor
Ins ferne Spiel der Wasser, und der Zeit
Versunkner Tage. Singt der Wind ins Ohr
Dir seine Schwermut, höre nicht sein Leid.
Laß ab von Weinen. Bei den Toten unten
10 Im Schattenlande werden bald wir wohnen
Und ewig schlafen in den Tiefen drunten,
In den verborgenen Städten der Dämonen.
Dort wird uns Einsamkeit die Lider schließen.
Wir hören nichts in unserer Hallen Räumen,
15 Die Fische nur, die durch die Fenster schießen,
Und leisen Wind in den Korallenbäumen.
Wir werden immer beieinander bleiben
Im schattenhaften Walde auf dem Grunde.
Die gleiche Woge wird uns dunkel treiben,
20 Und gleiche Träume trinkt der Kuß vom Munde.
Der Tod ist sanft. Und die uns niemand gab,
Er gibt uns Heimat. Und er trägt uns weich
In seinem Mantel in das dunkle Grab,
Wo viele schlafen schon im stillen Reich.«
25 Des Meeres Seele singt am leeren Kahn.
Er treibt davon, ein Spiel den tauben Winden
In Meeres Einsamkeit. Der Ozean
Türmt fern sich auf zu schwarzer Nacht, der Blinden.
In hohen Wogen schweift ein Kormoran
30 Mit grünen Fittichs dunkler Träumerei.
Darunter ziehn die Toten ihre Bahn.
Wie blasse Blumen treiben sie vorbei.
Sie sinken tief. Das Meer schließt seinen Mund
Und schillert weiß. Der Horizont nur bebt
35 Wie eines Adlers Flug, der von dem Sund
Ins Abendmeer die blaue Schwinge hebt.

Entstehungsjahr: 1910
Erscheinungsjahr: 1964
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte aus den Jahren 1910 bis 1912
Referenzausgabe:
Karl Ludwig Schneider / Gunter Martens: Georg Heym. Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe, Bd. 1. Verlag Heinrich Ellermann,: 1922, S. 151-152.
Bemerkungen
Erstdruck in »Der Himmel Trauerspiel«, In: »Dichtungen«, München 1922

Entstehungsjahr: 1910
Erscheinungsjahr: 1964
Fassung: Späte
Aus: Gedichte aus den Jahren 1910 bis 1912
Referenzausgabe:
Karl Ludwig Schneider / Gunter Martens: Georg Heym. Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe, Bd. 1. Verlag Heinrich Ellermann,: 1922, S. 153-154.
Bemerkungen
Erstdruck in »Der Himmel Trauerspiel«, München 1922