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[Frühe Fassung]


Die Glockenjungfern

Die Glockenjungfern schwingen
Sich hoch vom Turm und singen
Von Lieb und Treu den heiligen Chor.
Kein Engelmund tönt reiner,
5 Je ferner, desto feiner,
Und jede sagts der Nachbarin ins Ohr.
Verknüpft die Schwesternhände
Zur Kette ohne Ende,
Blüht durch die Luft der farbige Kranz
10 Hoch über alle Felder,
Und Berg und Tal und Wälder
Verschönt des Liedes sonniger Glanz.
Da mahnt ein Glockenzeichen –
Ein plötzliches Erbleichen,
15 Und alles heimwärts stürzt und drängt.
O weh! der Jungfern kleinste,
Die Lieblichste, die Feinste
Ist von dem Reigen abgesprengt.
Sie huscht auf leisen Sohlen,
20 Die Schwestern einzuholen,
Den Finger ängstlich an dem Mund.
Jetzt langt sie an mit Zagen –
Ein Taubenflügelschlagen –
Und stille wird es rings im Rund.
25 Horch! welch Posaunenschweigen!
Die Lüfte ziehn und steigen
Und schauen nach dem Turm vereint,
Ob irgendwo ein Röckchen,
Ein Zipfel oder Söckchen
30 Der Glockenjungfern hold erscheint.
[Späte Fassung]


Die Glockenjungfern

Die Glockenjungfern schwingen
Sich hoch vom Turm und singen
Ein Morgenjubellied im Chor.
Kein Engelmund tönt reiner,
5 Je ferner, desto feiner,
Und niemals fehlt ihr kluges Ohr.
Verknüpft die Schwesternhände
Zur Kette ohne Ende,
Blüht durch das Blau der farbige Kranz.
10 Auf Schlüsselblumenmatten
Segelt ihr Wolkenschatten
Rainauf, rainab im flüchtigen Tanz.
Frühling und Lerchenlieder –
Sie jauchzen alles nieder,
15 Siegreich behauptend ihren Ton.
Die Sonne horcht von oben,
Das Echo möchts erproben,
Versuchts und wiederholt es schon.
Der Wanderer im Staube
20 Erhebt das heiße Auge,
Lächelt und hemmt den müden Schritt.
Doch längs dem Weg die Wellen,
Die durch das Bächlein schnellen,
Laufen in flinken Sprüngen mit.
25 Da mahnt vom Turm ein Zeichen –
Ein plötzliches Erbleichen,
Und alles heimwärts stürzt und drängt.
O weh! der Jungfern kleinste,
Die Liebliche, die Feinste
30 Ist von dem Reigen abgesprengt.
Sie huscht auf leisen Sohlen,
Die Schwestern einzuholen,
Den Finger ängstlich an dem Mund.
Jetzt langt sie an mit Zagen –
35 Ein Taubenflügelschlagen –
Schlüpft ein – und stille wirds im Rund.
Horch! welch Posaunenschweigen!
Die Lüfte kreisen, steigen
Und lauschen nach dem Turm vereint,
40 Ob irgendwo ein Röckchen,
Ein Zipfel oder Söckchen
Der Glockenjungfern noch erscheint.

Entstehungsjahr: 1893
Erscheinungsjahr: 1906
Fassung: Frühe
Aus: Glockenlieder
Referenzausgabe:
Gottfried Bohnenblust / Wilhelm Altwegg / Robert Faesi: Carl Spitteler. Gesammelte Werke, Bd. 10,1. Artemis-Verlag, Zürich / Stuttgart: 1945ff., S. 698-699.
Bemerkungen
Zwischen 1893, dem Entstehungjahr dieser frühen Fassung, und 1905, dem Entstehungsjahr der späten Fassung, hat der Autor eine Vielzahl von Texterweiterungen und -streichungen vorgenommen.

Entstehungsjahr: 1905
Erscheinungsjahr: 1906
Fassung: Späte
Aus: Glockenlieder / Glocken- und Graslieder
Referenzausgabe:
Gottfried Bohnenblust / Wilhelm Altwegg / Robert Faesi: Carl Spitteler. Gesammelte Werke, Bd. 3. Artemis-Verlag, Zürich / Stuttgart: 1945ff., S. 662-663.
Bemerkungen
Die endgültige Form des Gedichtes wird erst in der (hier abgebildeten) Fassung von 1905 erreicht. Zwischen 1893, dem Entstehungjahr der frühen Fassung, und 1905, dem Entstehungsjahr der späten Fassung, hat der Autor eine Vielzahl von Texterweiterungen und -streichungen vorgenommen.