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[Frühe Fassung]


Sehnsucht nach dem Frühling

Komm’, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün,
Und lass’ uns an dem Bache die kleinen Veilchen blühn!
Wie möchten wir so gerne ein Veilchen wieder sehn,
Ach, lieber Mai, wie gerne einmal spaziren gehn
5 Zwar Wintertage haben wol auch der Freuden viel:
Man kann im Schnee eins traben und treibt manch’ Abendspiel,
Baut Häuserchen von Karten, spielt Blindekuh und Pfand;
Auch giebt’s wohl Schlittenfahrten auf’s liebe freie Land;
Doch wenn die Vöglein singen und wir dann froh und flink
10 Auf grünem Rasen springen, das ist ein ander Ding!
Jetzt muß mein Steckenpferdchen dort in dem Winkel stehn,
Denn draußen in dem Gärtchen kann man vor Schmutz nicht gehn.
Am meisten aber dauert mich Lottchens Herzeleid:
Das arme Mädchen lauert recht auf die Blumenzeit;
15 Umsonst hol’ ich ihr Spielchen zum Zeitvertreib herbei;
Sie sitzt auf ihrem Stühlchen wie’s Hühnchen auf dem Ei.
Ach, wenn’s doch erst gelinder und grüner draußen wär!
Komm’, lieber Mai! Wir Kinder, wir bitten gar zu sehr!
O komm’ und bring’ vor allen uns viele Veilchen mit,
20 Bring’ auch viel Nachtigallen und schöne Kuckuks mit. –
[Späte Fassung]


An den Mai

Komm, lieber Mai, und mache
Die Bäume wieder grün!
Und laß mir an dem Bache
Die kleinen Veilchen blühn!
5 Wie möcht' ich doch so gerne
Ein Blümchen wieder sehn!
Ach lieber Mai, wie gerne
Einmal spazieren gehn!
    In unsrer Kinderstube
10 Wir mir die Zeit so lang;
Bald werd' ich armer Bube
Vor Ungeduld noch krank.
Ach! bey den kurzen Tagen
Muß man sich obendrein
15 Mit den Vokabeln plagen,
Und immer fleißig seyn.
    Mein neues Steckenpferdchen
Muß jetzt im Winkel stehn;
Denn draußen in dem Gärtchen
20 Kann man vor Schnee nicht gehn.
Im Zimmer ists zu enge,
Und stäubt auch gar zu viel,
Und die Mama ist strenge;
Sie schilt aufs Kinderspiel.
25     Am meisten aber dauret
Mich Lottens Herzeleid;
Das arme Mädchen lauret
Recht auf die Blumenzeit.
Umsonst hohl' ich ihr Spielchen
30 Zum Zeitvertreib herbey;
Sie sitzt in ihrem Stühlchen,
Wie's Hühnchen auf dem Ey.
    Ach wenns doch erst gelinder
Und grüner draußen wär!
35 Komm, lieber Mai! wir Kinder,
Wir bitten gar zu sehr.
O komm! und bring vor allen
Uns viele Rosen mit!
Bring' auch viel Nachtigallen
40 Und schöne Kukuks mit!

Entstehungsjahr: 1775
Erscheinungsjahr: 1776
Fassung: Frühe
Referenzausgabe:
Franz Magnus Böhme: Volksthümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert. Breitkopf und Härtel, Leipzig: 1895, S. 470.
Bemerkungen
Erstdruck im »Vossischen Musenalmanach für 1776« (Lauenburgischer Musenalmanach), S. 49 unter dem Titel »Fritzchen an den Mai«. Der hier vorliegende Text ist von Wolfgang Amadeus Mozart 1791 als Komposition mit Clavierbegl. komponiert worden.

Entstehungsjahr: 1775
Erscheinungsjahr: 1796
Fassung: Späte
Aus: Kinderlieder
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Sammlung vermischter Gedichte von Christian Adolf Overbeck. Friedrich Bohn und Compagnie, Lübeck und Leipzig: 1794, S. 195-197.