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[Frühe Fassung]


[Komm heraus, komm heraus, du schöne schöne Braut]

Komm heraus, komm heraus, du schöne schöne Braut,
Deine guten Tage sind nun alle, alle aus.
Deine Jungfraun läßt du stehn,
Willst nun zu den Weibern gehn.
5 Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,
Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.
Lege ab, lege ab auf ew’ge, ew’ge Zeit
Schild und Schwert und Panzer, deine Waffen, dein Geschmeid.
Aus dem Helm ins Haubelein
10 Schließest du die Locken ein.
Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,
Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.
Lache nur, lache nur, die roten, roten Schuh
Werden dich einst drücken, sie sind eng genug dazu,
15 Wenn wir zu dem Tanze gehn,
Wirst du bei der Wiege stehn.
Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,
Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.
Winke nur, winke nur, sind nur leichte, leichte Wink‘,
20 Bis du an dem Finger trägst den goldnen Sklavenring,
Goldne Ketten legst du an,
Und beschwerlich wird die Bahn!
Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,
Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.
25 Tanze nur, tanze nur deinen letzten letzten Tanz,
In der Sonne welket bald dein schöner Hochzeitskranz.
Lasse nur die Blumen stehn,
Auf den Acker mußt du gehen.
Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,
30 Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.
[Späte Fassung]


[Komm heraus, komm heraus, o du schöne, schöne Braut]

DIE GESPIELEN
Komm heraus, komm heraus, o du schöne, schöne Braut,
Deine guten Tage sind nun alle, alle aus.
Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
5 O wie weinet die schöne Braut so sehr!
Mußt die Mägdlein lassen stehn,
Mußt nun zu den Frauen gehn.
DIE LILIENFRÄULEIN
Ihr klugen Jungfraun zieht hinaus,
10 Die Lampen sind geschmücket,
Ans Herz den reinen Blumenstrauß
Der Bräutigam nun drücket,
Ihr Lilien gebt der Braut Geleit,
Ihr tragt ein schönres Ehrenkleid,
15 Ein hochzeitlicheres Geschmeid,
Als Salomo in Herrlichkeit.
DIE GESPIELEN
Lege an, lege an heut auf kurze, kurze Zeit
Deine Seidenröslein, dein reiches Brustgeschmeid,
20 Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
O wie weinet die schöne Braut so sehr!
Mußt die Zöpflein schließen ein
Unterm goldnen Häubelein.
DIE LILIENFRÄULEIN
25 Heb an du liebe Nachtigall
Dein kunstreich Figurieren,
Hilf uns mit deinem süßen Schall
Das Brautlied musizieren,
Das Lerchlein soll sein – »dir, dir, dir,
30 Dir Gott sei Lob« auch für und für
Erschwingen in dem höchsten Ton
Bis auf zu Gott im Himmelsthron.
DIE GESPIELEN
Lache nicht, lache nicht, deine Gold- und Perlenschuh,
35 Werden dich schon drücken, sind eng genug dazu,
Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
O wie weinet die schöne Braut so sehr!
Wenn die andern tanzen gehn,
Mußt du bei der Wiege stehn.
40 DIE LILIENFRÄULEIN
Du blauer Himmel spann‘ ein Zelt,
Den Bräutigam zu grüßen,
Ihr Blümlein webet übers Feld
Den Teppich ihm zu Füßen,
45 Ihr Lüftlein reget dann geschwind
Die Glöcklein, daß sie duftend lind
Tau-Perlen streuen auf der Au
Ums arme Kind von Hennegau.
DIE GESPIELEN
50 Winke nur, winke nur, sind gar leichte, leichte Wink,
Bis den Finger drücket der goldne Treuering.
Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
O wie weinet die schöne Braut so sehr!
Ringlein sehn heut lieblich aus,
55 Morgen werden Fesseln draus.
DIE LILIENFRÄULEIN
Wir Lilien aus dem Liliental,
Wir kehren einstens wieder,
Dann in ein Bettchen eng und schmal
60 Sinkt müd dein Brautkleid nieder,
Dann naht der Seelenbräutigam
Das Lamm von königlichem Stamm,
Und wer ihm nicht entgegengeht,
Bleibt unerhört und unerhöht.
65 DIE GESPIELEN
Springe heut, springe heut deinen letzten, letzten Tanz,
Welken erst die Rosen, stechen Dornen in dem Kranz,
Dein Schleierlein weht so feucht und tränenschwer,
O wie weinet die schöne Braut so sehr!
70 Mußt die Blümlein lassen stehn,
Mußt nun auf den Acker gehen.
DIE LILIENFRÄULEIN
Führt sternenreine Engellein
Die Braut auf guter Weide,
75 Durch Lieb und Leid, bis klar und rein
Der Geist im Lilienkleide
Sich scheidet von dem Dornental
Und mit uns singt beim Hochzeitsmahl:
O Stern und Blume, Geist und Kleid
80 Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!

Entstehungsjahr: 1804-1815
Erscheinungsjahr: 1815
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte 1804-1815
Referenzausgabe:
Wolfgang Frühwald / Bernhard Gajek / Friedhelm Kemp: Clemens Brentano Werke, Bd. 1. Carl Hanser Verlag, München: 1968, S. 277-278.
Bemerkungen
Aus "Die Gründung Prags", frühe Fassung.
Gedicht überarbeitet und mit SUZ versehen.

Entstehungsjahr: um 1834
Erscheinungsjahr: 1838
Fassung: Späte
Aus: Gedichte 1834-1842
Referenzausgabe:
Wolfgang Frühwald (Bd. 1) / Bernhard Gajek (Bd. 1) / Friedhelm Kemp (Bd. 1): Clemens Brentano. Werke, Bd. 1. Carl Hanser Verlag, München: 1968, S. 616-618.
Bemerkungen
Aus "Gockel Hinkel Gackeleia"; 2. Fassung
Gedicht überarbeitet und mit SUZ versehen.