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[Andere Fassung]


Der große Krebs im Mohriner See
(Volkssage)

        Die Stadt Mohrin hat immer Acht,
        Kuckt in den See bei Tag und Nacht.
        Kein gutes Christenkind erleb's
        Daß los sich reiß' der große Krebs!
5 Er ist im See mit Ketten geschlossen unten an,
Weil er dem ganzen Lande Verderben bringen kann.
        Man sagt: er ist viel Meilen groß
        Und wendt sich oft und, kommt er los,
        So währts nicht lang, er kommt ans Land:
10         Ihm leistet keiner Widerstand.
Und weil das Rückwärtsgehen bei Krebsen alter Brauch,
So muß dann alles mit ihm zurücke gehen auch.
        Das wird ein Rückwärtsgehen sein!
        Steckt einer was ins Maul hinein,
15         So kehrt der Bissen, vor dem Kopf,
        Zurück zum Teller und zum Topf.
Das Brod wird wieder zu Mehle, das Mehl wird wieder Korn –
Und alles hat beim Gehen den Rücken dann nach vorn.
        Der Balken löst sich aus dem Haus
20         Und rauscht als Baum zum Wald hinaus,
        Der Baum kriecht wieder in den Keim,
        Der Ziegelstein wird wieder Leim.
Der Ochse wird zum Kalbe, das Kalb geht nach der Kuh,
Die Kuh wird auch zum Kalbe, so geht es immerzu!
25         Zur Blume kehrt zurück das Wachs,
        Das Hemd am Leibe wird zu Flachs,
        Der Flachs wird wieder blauer Lein
        Und kriecht dann in den Acker ein.
Man sagt, beim Bürgermeister zuerst die Noth beginnt,
30 Der wird vor allen Leuten zuerst ein Päppelkind.
        Dann muß der edle Rath daran,
        Der wohlgewitzte Schreiber dann;
        Die erbgesessne Bürgerschaft
        Verliert gemach die Bürgerkraft.
35 Der Rector in der Schule wird wie ein Schülerlein,
Kurz eines nach dem andern wird Kind und dumm und klein.
        Und alles kehrt im Erdenschooß
        Zurück zu Adams Erdenkloß.
        Am längsten hält was Flügel hat,
40         Doch wird zuletzt auch dieses matt,
Die Henne wird zum Küchlein, das Küchlein kriecht ins Ei,
Das schlägt der große Krebs dann mit seinem Schwanz entzwei.
        Zum Glücke kommts wohl nie so weit!
        Noch blüht die Welt in Fröhlichkeit!
45         Die Obrigkeit hat wacker Acht,
        Daß sich der Krebs nicht locker macht.
Auch für dies arme Liedchen wär das ein schlechtes Glück:
Es lief vom Mund der Leute ins Dintenfaß zurück.

Entstehungsjahr: vor 1853
Erscheinungsjahr: 1856
Fassung: Andere
Aus: Lieder / Teil II / Sagen 34
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gesammelte Werke von August Kopisch, Bd. 1. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin: 1856, S. 101-103.
Bemerkungen
In seinem, am 28.02.1933 im vorletzten Heft der "Weltbühne" veröffentlichten Gedicht »Die Sage vom großen Krebs« hat Walter Mehring den gleichen Sagenstoff aufgegriffen und variiert den Stoff aber insofern, als er die apokalyptische Vision einer drohenden (nationalsozialistischen) »Krebs-Diktatur« entwirft, die, eingeleitet von »Hexenbränden und Judenpogromen«, alles »nieder«werfen wird (Walter Mehring: Chronik der Lustbarkeiten. Lieder und Chansons 1918-1933. Hg. v. Christoph Buchwald. Düsseldorf 1981, S. 416-418).